Vom Anfangen

In knapp einer Wochen geht’s los. Ich fahre mit dem Zug über die Alpen und weiter bis nach Rom. Drei Monate werde ich dort verbringen, werde durch Roms Straßen zur Arbeit fahren, durch Museen stiefeln und in den Tiber spucken.

Am Anfang wird alles fremd sein, neu und aufregend. Vielleicht auch ein bisschen ungewohnt und unbequem. Eine Umgebung in die man sich erst hineinfinden muss.

Aber nach und nach werde ich merken: Das bleibt jetzt so. Und es wird sich anders anfühlen. Bekannter, gewohnter. Nicht mehr überraschend.

Ich finde diesen Prozess des Anfangens schon lange faszinierend. Denn letztendlich ist es doch immer das gleiche: Ob ich vor dem berüchtigten weißen Blatt sitze und eine Hausarbeit schreibe, ob ich in eine neue Stadt ziehe, einen neuen Menschen treffe oder manchmal auch, nur für mich beschließe: Jetzt fange ich noch mal neu an. Alles auf Anfang bitte.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne

Das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse, aus dem die Zitate in diesem Artikel stammen begleitet mich schon lange. Bei jedem Neuanfang, einer neuen Stadt, einem neuen Job, einem neuen Lebensabschnitt kommt mir der Satz vom „Zauber des Anfangs“ in den Kopf und beschwingt mich. Der Anfang, der eben auch oft das Eintauchen in eine fremde Welt bedeutet, verliert seine abschreckende Kraft und wird zu einer Herausforderung, in der viel Positives entdeckt werden kann. Wer neu anfängt, der hat auch neue Chancen. Neue Erfahrungen bringen einen frischen Blick mit sich – auch auf das Zurückgelassene.

In den letzten Tagen hatte ich oft das Gefühl etwas zu Ende zu bringen. Ich habe viel ausgemistet und bin mit den Dingen auch viele alte Geschichten und Ideen losgeworden. Es tut gut, wenn der alte Kram nicht mehr zu mir sagt: Aber das wolltest du doch noch upcyceln! Und an die Stelle von den alten Dingen tritt nun der Platz für neue Gedanken. Ein bisschen „Wind of Change“ weht mal wieder durch mein Leben und ich freue mich auf die Veränderung.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Ich mag Anfänge. Aber ich mag auch Gewöhnung. Als ich in Dortmund meine WG suchte und ständig mit der U-Bahn durch die ganze Stadt gondelte, kam mir irgendwann der Gedanke: Diese Durchsagen, die dir jetzt auffallen, weil du die Reihenfolge der Haltestellen noch nicht kennst, die wirst du irgendwann auswendig können. Und ehrlich gesagt, freute mich das. Denn es bedeutete, dass diese fremde Umgebung, diese unbekannte Stadt irgendwann ganz normal sein würde. Das ich mich irgendwann auskenne, die Töne und Farben der Stadt unterscheiden und einordnen kann.

Seid über zwei Jahren wohne ich nun hier und inzwischen kenne ich mich aus. Und dadurch kann ich die Stadt auch mehr an mich heran lassen. Ich muss mich nicht mehr auf die Haltestellen konzentrieren, ich kann die Menschen in der Bahn beobachten. Ich weiß, wo man strategisch gut steht, um schnell raus und rein zu kommen. Ich kenne die Putzfrau, die morgens um 8.00 Uhr mit schwerem Gerät zwischen den Wartenden unsere Station wischt. Und ich kenne das Geräusch einer einfahrenden U-Bahn, das mir anzeigt, dass ich die Rolltreppe jetzt besser hinunter renne… Ich bin angekommen.

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Ja, Gewöhnung ist schön. Sie bietet Sicherheit und gerade dadurch den Raum sich zu entfalten. Von meiner bekannten Position aus kann ich einfach Neues ausprobieren, denn der Rahmen bietet mir Sicherheit. Einen neuen Club besuchen ist toll, denn die Menschen mit denen ich da bin, kenne ich und den Weg nach Hause finde ich auch.

Wenn Abläufe gewöhnt sind, kann ich mich mehr auf das konzentrieren, was darüber hinausgeht. Ich kann mir in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause Gedanken über den nächsten Tag machen, über Dinge die noch zu erledigen sind oder Menschen bei denen ich mich schon viel zu lange nicht gemeldet habe eine Nachricht schreiben.

Aber manchmal wird die Gewöhnung dann eben doch eintönig. Man verliert den Blick auf das Besondere, weil man in Gedanken schon längst woanders ist. Vielleicht ist das erst der Punkt, an dem der Anfang wirklich vorbei ist. Es braucht Veränderung. Und oft reichen da schon kleine Neuanfänge, finde ich.

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Und irgendwie ist dieser Artikel, dieses Blog ja auch ein Anfang. Und ja, vielleicht werde ich mich tatsächlich irgendwann daran gewöhnen. Vielleicht wird es irgendwann zu meinem Alltag gehören. Aber noch ist der Klick auf den „Veröffentlichen“ Butten neu, und vor allem ist der Gedanke und das Gefühl neu, dass im Prinzip alle (wer auch immer das sein mag) lesen können was ich hier schreibe. Genauso neu, wie die Reise in eine neue Stadt und der Gedanke für drei Monate dort zu leben.

Ich fahre übrigens immer noch U-Bahn in Dortmund. Die Ansagen überhöre ich meist. Sie sind mir nicht mehr so wichtig, denn ich weiß ja wo ich bin (zumindest solange ich nicht völlig in Gedanken abschweife). Aber manchmal höre ich sie dann doch irgendwie bewusst und ganz kurz blitzt der Zauber des Anfangs wieder auf: Eine neue Stadt.

Das ganze Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse findet Ihr zum Beispiel hier.

 

Und Ihr? Mögt Ihr Anfänge oder bleibt Ihr lieber in Euren gewohnten Bahnen? Und was ist eigentlich wenn Veränderungen von Außen kommen, ohne das man es beabsichtigt?

Ein Kommentar zu „Vom Anfangen

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