AusländerIn sein

Ich laufe durch einen italienischen Supermarkt und versuche mich zurecht zu finden. Mein Italienisch ist (hoffentlich noch!) recht mangelhaft aber bei den meisten Lebensmitteln sieht man ja was drin ist. 😉 Nachdenklich betrachte ich das Nudelregal. Die Auswahl ist recht groß, ganz besonders springen mir aber die großen blauen Pappverpackungen ins Auge, die ich schon in so vielen deutschen Küchenschränken gesehen habe. Das passende Pesto gibt’s auch. Aber als ich ins Regal greife kommt es mir irgendwie komisch vor: Die blauen Nudeln sind mir für Italien irgendwie zu deutsch.

Kurze Zeit später, zwei Regale weiter. Ich gebe ich die verzweifelte Suche nach Haferflocken vorerst auf und packe italienische Brötchen ein. Schnell stelle ich fest, das diese (zugegeben, Discounter Qualität) nicht länger als 12 Stunden genießbar sind und schon überlege ich, mein Brot vielleicht doch selbst zu backen. Was soll ich sonst frühstücken? Zu Hause backe ich schließlich auch selbst!

Warum sind mir die italienischen Nudeln plötzlich zu deutsch? Und zeige ich mir mit der Brotbackerei nicht  gleichzeitig „typisch deutsche“ Vorlieben? Was ist eigentlich typisch deutsch? Und was ist typisch italienisch?

Fremd fühlen – ist das schlimm?

Die ersten Tage in Rom waren gefüllt mit Beobachtungen, von Dingen die anders waren als gewohnt: Der Verkehr ist lauter und unruhiger, die Bürgersteige sind schmaler, die Bushaltestellen sehen anders aus, die Martinshörner von Polizei und Rettungswagen hören sich anders an und wie funktioniert das jetzt mit dem Kaffee in der Bar?

Neben den ItalienierInnen, die im schnellen Schritt und bella figura durch die Straßen der Innenstadt eilen stehe ich in Regenjacke und Wollpulli und drehe den Stadtplan in die richtige Richtung. Ich fühle mich fremd, anders, außenstehend. Nicht zugehörig. Allein in einer Masse Anderer. Und plötzlich frage ich mich, was das eigentlich bedeutet, „fremd sein“.

Was bedeutet „fremd sein“?

In aktuellen Bezügen kommen einem im Moment wohl am ehesten Worte wie „Fremdenhass“, „fremdenfeindlich“, „Angst vor Überfremdung“ in den Sinn. Aber gab es nicht früher auch „Fremdenführer“, „Fremdenzimmer“ und eben überhaupt „Fremdenverkehr“?

Ich hab mir mal die Bedeutung von „fremd“ im Duden angeguckt (aufgerufen am 11.2.2018). Da steht:

  1. nicht dem eigenen Land oder Volk angehörend; eine andere Herkunft aufweisend
  2. einem anderen gehörend; einen anderen, nicht die eigene Person, den eigenen Besitz betreffend
    1. unbekannt; nicht vertraut
    2. ungewohnt; nicht zu der Vorstellung, die jemand von jemandem, etwas hat, passend; anders geartet

Beschreibt ziemlich genau, was ich fühle. „Fremd“ weißt für mich auf eine Lücke hin, etwas das mir auffällt und stutzen lässt, etwas das mich von dem Gegenüber  unterscheidet. Ist mir etwas fremd, dann weiß ich nicht sofort damit umzugehen. Ich habe keinen Masterplan, kein erprobtes Verhalten, keinen Anknüpfungspunkt.

Hier könnte ich nun stehen bleiben und mir sagen: gut, versteh ich halt nicht. Aber in diesem Fall bleibe ich außen vor und stehe weiterhin der Menge gegenüber. Oder ich versuche die Lücke zu überwinden.  Aber wie? Meine erste Idee: Durch Beobachtung und Nachahmung.

Annäherung Schritt 1: Typisch Italienisch? Mein Experiment

Durch nachfragen, zuhören, mitdenken und selbst denken Annäherung schaffen – Okay, das klingt jetzt alles irgendwie nicht besonders neu und irgendwie ja auch ganz richtig – Integration halt. Aber wie weit kann ich mich dem Fremden annähern? Und was kann ich dabei lernen? Wie werde ich mich dabei fühlen? Und was muss ich dafür überhaupt tun? Würde ich nicht einfach nur versuchen, Klischees nach zu eifern? Diese Fragen haben mich in den ersten Tagen ziemlich beschäftigt. Und deshalb habe ich angefangen, mich mit verschiedenen Menschen darüber zu unterhalten. Eine Bekannte von mir, die sich – meines Erachtens nach – mit der Thematik Inter- bzw. Transkulturalität und Rassismus auskennt, meint dazu: „Vielleicht sieht man erstmal Klischees bevor man die tiefere Komplexität einer Kultur versteht.“ und „Letztlich geht es beim Reisen um genaues Beobachten und Reflektieren… Zu versuchen möglichst italienisch zu sein hilft ja beim Beobachten. Und zumindest Kulturübergriffigkeit vermeidest du so.“ Damit wäre das schon mal geklärt 😀 Danke Lisa!

Aber ohne mit einem Italiener über das „Italienisch sein“ gesprochen zu haben, will ich den Versuch dann doch nicht wagen. Also frage ich meinen Kollegen Gabriele: Was muss ich tun um möglichst Italienisch zu sein? Er grinst, und verwickelt mich in ein Gespräch über Kaffee, Pasta und den italienischen Verkehr. Ganz so falsch lag ich also doch nicht! 🙂

Un vero giorno italiano

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Ich starte also ein Experiment und versuche einen Tag lang möglichst italienisch zu sein. Mein Wecker klingelt und ich wanke halb verschlafen ins Bad. Morgens war noch nie meine Zeit und ich bin sicher, dass das nichts mit meiner kulturellen Zugehörigkeit zu tun hat! La colazione besteht aus einem caffè und dem Blick aus dem Fenster. Morgens was zu essen ist total unmöglich meint Gabriele. Ich probiere es also: und find’s total entspannt!

Dann geht’s zur Metro. Wir wohnen ziemlich weit außerhalb, wie viele RömerInnen. Im Zentrum sind die Mieten astronomisch. Viele RömerInnen fahren daher mit dem Roller zu Arbeit, in den engen Straßen steht man mit dem Auto ewig im Stau.

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Der Arbeitstag beginnt und ist eher wenig italienisch. Die meisten der Kollegen und Kolleginnen sind Deutsche oder sprechen zumindest gut bis sehr gut Deutsch. Ich bereite mich auf meine erste Führung zu Goethes Italienischer Reise vor. Und was meint der Dichterfürst zu den Italienern? „Von der Nation wüßte ich nichts weiter zu sagen, als daß es Naturmenschen sind, die unter Pracht und Würde der Religion und der Künste nicht ein Haar anders sind, als sie in Höhlen und Wäldern sein würden.“ (J.W. Goethe: „Italienische Reise“, München 1981, S. 143. Erste Ausgabe: 1786.) Nun ja… Goethe hat wohl auch wenig versucht sich den Italienern anzunähern und sich stattdessen in der Gemeinschaft der vielen deutschen Künstler und Intellektuellen in Rom ganz wohl gefühlt….

IMG_20180208_142405926Ich hoffe da doch noch ein bischen mehr zu finden. Pausa pranzo ist um 13.00. Immer. Leider bedeutet das, dass alle meine Kollegen und Kolleginnen um 13.00 Mittagessen und ich an der Kasse bleiben muss… La stagista ist eben überall am Ende der Nahrungskette 😛 Als ich dann auch endlich los darf, geht der Weg nur kurz über die Straße, in einen winzigen Laden, der allein an sich schon ein Erlebnis ist. Auf den zwei m2 vor der Theke ca. 7 Menschen. Die Auslage besteht zur Hälfte aus Käse, zur anderen Hälfte aus Wurst, darüber hängen ganze Schinken, getrockneter Knoblauch und Tomaten, auf einem hölzernen Gestell dahinter liegt Brot. Obwohl die belebte und touristisch beliebte Piazza del Popolo nur einen Steinwurf entfernt liegt, höre ich hier nur Italienisch. Ich bestelle eine Pizza bianca con mortadella. Und halte kurz darauf ein krosses Stück Fladenbrot mit hauchdünner Mortadella in der Hand. Es gibt keinen Tisch, man isst im laufen, das ist wichtig (sagt Gabriele, der mir den Laden auch empfohlen hat). Mir ist das aber zu ungemütlich, also suche ich mir eine Bank auf der Piazza. Und nun die zweite Überraschung: Pizza bianca con mortadella ist super! Ich hatte echt gedacht ich müsste mich überwinden, weil ich seit bestimmt 15 Jahren keine Mortadella mehr gegessen habe, und das letzte halbe Jahr schon so gut wie vegan war, aber es schmeckt mir ehrlich gut.

Den caffè danach trinke ich in einer kleinen Bar. Die Theke ist aus Glas, darunter liegen süße Gebäckstücke die in Deutschland niemals so aufwendig verziert wären. In dem kleinen Raum drängen sich wieder viele Menschen, lachen, oder halten einen kurzen Schnack mit dem Kellner. Ich grinse vor mich hin, rühre mit dem kleinen Löffel in der winzigen Tasse den Klecks Kaffee um und kippe ihn runter. Nach höchsten 5 Minuten bin ich wieder auf der Straße.

Den Rest des Tages versuche ich mit meinen beiden italienischen Kollegen so viel Italienisch wie möglich zu sprechen, was so leidlich klappt. Ganz wichtig ist es immer Grazie! Und Prego! (Danke und Bitte) zu sagen und zwar viel öfter als in Deutschland! Und weil jeder Italiener mindestens einmal am Tag Nudeln isst, gibt’s Abends Pasta mit Tomatensoße. Ehrlich gesagt dachte ich, das ist ein Klischee, aber Gabriele beteuert, dass es wirklich so ist.

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Fazit: Das Fremde und ich – Wer kommt wem eigentlich näher?

Ich gebe zu, ich stand dem Experiment am Anfang sehr skeptisch gegenüber. Es war mir fast ein wenig peinlich, unbedingt italienisch sein zu wollen und dabei nach knapp zwei Wochen doch nur über oberflächliche Beobachtungen reden zu können. Aber das Nachdenken und Ausprobieren hat einen Denkprozess ausgelöst. Vieles davon war mir nicht neu, aber in dem Kontext eben doch nochmal eine andere Erfahrung.

1. Zum einen hatte ich zu Beginn die Vorstellung, wenn ich versuche möglichst Italienisch zu sein, komme ich mir komisch vor, weil ich nicht mehr bin wie ich mich kenne. Ich hatte das Gefühl, mir selbst ein komisches Theaterstück vorzuspielen, mich von mir selbst zu entfremden. Aber so war es nicht. Ich habe mich eher gefreut, etwas neues auszuprobieren.

2. Ich glaube, fremd fühlt sich, wer dazu gehören will, weil er sich selbst in Abgrenzung zu anderen wahr nimmt. Letztendlich hat der Prozess des Ausprobierens auch dazu geführt, dass ich mich selbst gefragt habe, wer ich eigentlich bin und was mich ausmacht. Und das hat, zumindest bei mir, zu einem Auflösen der gedanklichen Trennung geführt. Ich habe nicht mehr „die ItalienerInnen“ gesehen, sondern einzelne Menschen, die mir vielleicht in bestimmten Punkten ähneln und sich in anderen von mir unterscheiden. Als ich anfing mich selbst zu definieren, konnte ich andere Bezugspunkte herstellen. Dazu noch eine Anmerkung von Lisa, die in jedem Fall Richtig ist, aber zum Glück nicht zu meinen Erfahrungen hier zählt: „Fremd fühlt sich aber auch, wer sich zwar nicht in Abgrenzung wahrnimmt, aber zu einem / einer Anderen gemacht wird. Wie zum Beispiel bei Schwarzen Deutschen, die zwar Deutsch sind, aber ständig gespiegelt bekommen, nicht richtig dazuzugehören.“

3. Das entscheidende Mittel der Annäherung ist die Sprache. Definitiv keine neue Erkenntnis, hier mehr der Vollständigkeit halber erwähnt. Für die nächsten drei Monate mein wichtigstes Projekt.

4. Habe ich schon erwähnt dass ich Unterschiede richtig gut finde? Sie inspirieren zu neuen Einsichten und Erfahrungen und bieten die Chance sich selbst neu zu erfinden.

So! Finito. Zumindest erstmal. Ich habe an dem Thema viel rumgedacht und bin bestimmt auch noch nicht fertig damit. Denn was ich hier beschreibe ist ein Prozess und dieser Artikel bildet nur eine erste Standortabgabe ab. Und da ist natürlich noch jede Menge Platz für neue Erfahrungen. In drei Monaten kann das alles schon wieder ganz anders aussehen. Jeder der sich schon länger mit anderen Kulturen auseinander gesetzt hat, wird in seinen Ideen noch weiter gehen können. Der Gedanke ist sozusagen bei mir noch nicht fertig gefühlt. 😉

Genau deshalb würde mich wirklich interessieren was ihr dazu denkt oder wie ihr das erlebt habt. Und ich glaube, um die Erfahrung des „sich fremd Fühlens“ und „sich Annäherns“ gemacht zu haben, muss man gar nicht unbedingt im Ausland gewesen sein…

DANKE!!

Dieser Artikel ist ein Gemeinschaftswerk. Danke an Lisa für alle Anmerkungen und die political correctness. Danke an Sophia für den Input und die Gelassenheit. Danke an Gabriele, der sein „Insiderwissen“ mit mir geteilt hat.

 

Ein Kommentar zu „AusländerIn sein

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