Ein Streifzug durch EUR

Dieser Artikel wurde am 18.04.2018 aktualisiert und um die Links unten erweitert. Näheres dazu in den Kommentaren.

Wie fotografiert man die Architektur des Faschismus? Diese Frage drängte sich mir gerad zu auf, als ich vor einer Weile einen Streifzug durch das römische Viertel EUR unternommen habe. EUR liegt im Süden von Rom und verbindet das historische Zentrum mit dem Meer in Ostia. Das Stadtviertel wurde 1838 von Mussolini für die Weltausstellung 1942 erbaut. Der Name EUR oder eben eigentlich Esposizione Universale di Roma („Weltausstellung Rom“) deutet noch darauf hin. Da die Bauten nicht wie bei anderen Weltausstellungen danach wieder abgerissen werden sollten, wurden sie nicht nur mit einem hohen künstlerischen Anspruch, sondern auch aus hochwertigen und repräsentativen Materialien gebaut.

Mit dem Kriesgseintritt Italiens 1942 und dem Ende des faschistischen Regiemes 1943 wurde allerdings auch das Bauprojekt gestoppt. Erst 1951 wurde die Bautätigkeiten wieder aufgenommen und mit der Olympiade 1960 veränderte sich auch die Zielsetzung. Der Palazzo dello Sport und der Lago dell’EUR, gebaut für Wassersportarten, entstanden in dieser Zeit. Zwischen den gigantomansichen Prunkbauten im Neoklassizistischen oder Rationalistischen Stil werden in den 60er Jahren Mehrfamilienhäuser mit weichen Rundungen, großen Fenstern und umlaufenden Balkonen gebaut, die einen Blick ins Grüne bieten. Auch durch die Metroanbindung wird EUR zu einem gut situierten Wohn- und Verwaltungsvirtel. Architektonisch entsteht eine spannungsreiche Stadtstruktur mit ausergewöhnlichen Bauten.

Hier herumzustreifen ist etwas Besonderes. Der Grundriss folgt dem Schachbrettmuster, seit der Antike ein architektonisches Stilmittel für Struktur und ein Symbol der Großmacht römisches Reich. Die Struktur wird in den breiten Straßen spürbar, man bekommt ein Gefühl von Ordnung und Übersichtlichkeit, auch weil sich an einigen Stellen der Blick vom Hügel über das Viertel ergibt. Die breiten Straßen bieten lassen dem Fußgänger, den Fahrzeugen und den Bauten gebührenden Platz und verstärken den Aspekt der Weite.

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Aber genau diese Struktur bringt mich beim fotografieren auch zum Nachdenken, denn ich fühle mich schnell gedrängt eine bestimmte Perspektive einzunehmen, möglichst von unten herauf aus der Froschperspektive zu knipsen und die Zentralperspektive einzuhalten. Wenn alles auf einen Punkt zu läuft und sich der gebieterische Anspruch der Architektur durch einen niedrigen Betrachterstandpunkt noch verstärken lässt, kommt das Gebäude in seiner ganzen Aussage zur Geltung.

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Der aufkommende Wind fegt die Wolken vom Himmel und sorgt für eindrucksvolle Lichtspiele, sodass ich mir das ein oder andere Bild vom Typ „Götterdämmerung“ auch nicht verkneifen kann.

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Schon beeindruckend, wie schnell sich Architektur im Grunde selbst erklärt und wie schnell sie emotional erfasst werden kann. Aber von alten Faschisten will ich mir trotzdem nichts überstülpen lassen! Ich nehme die Herausforderung an und versuche das Ganze mal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen:

Und auch ich gerade die unterschiedlichen Stiele der 30er und 60er Jahre am Anfang eher als Gegensätze wahrgenommen habe (kühle Repräsentation gegen helle und freundliche Wohnlichkeit) passen sie dann doch irgendwie zusammen. Am Ufer des Lago dell’EUR zwischen Autobahnen, Brücken und Hochhäusern bleibt ein Gefühl von Metropolis: Wir bauen eine neue Stadt.

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Das Thema interessiert Dich? Hier gibt’s noch ein paar Infos zum nachlesen:

Mehr zum Architekturstil des Rationalismus und wie er zur Architektur des Faschismus wurde. 

Was passiert, wenn Architektur des Faschismus in Italien unter Denkmalschutz gestellt werden soll?

Eine spannende Publikation (Disserttation) zum Thema Kirchenbau im faschistischen Italien. Der Teil zur Kulturpolitik und zur Architektur des Faschismus ist seht lesenswert.

 

6 Kommentare zu „Ein Streifzug durch EUR

  1. Ja, wir tun uns alle schwer, wenn wir über etwas schreiben was mit dem Faschismus zu tun hat und nicht die unvorstellbaren Verbrechen beschreibt.
    Kann in dieser Zeit etwas positives passiert sein?
    Wo hört moderne Architektur auf?
    Wo beginnt faschistische Architektur?
    Ich denke auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg ist es klar. Architektur zur Machdemonstartion! Um Massen als Einheit zu zeigen und einen einzelnen ins Zentrum zu setzten.
    Hier scheint es nicht so zu sein. Ich habe mich noch nicht wirklich damit beschäftigt, auch nicht Architektur im italienschen Faschismus, aber hier sollte wohl tatsächlich eine neue Stadt gebaut werden.
    Ein Traum für die meisten Architekten. Da ist eine Schachbrettstruktur nichts außergewöhnliches. Es scheint auch, wie Du auch schreibst, wert auf Qualität gelegt worden sein. Das Regime wollte sich zur Weltausstellung präsentieren.
    Aber auf Aufmarplätze hat man anscheinend verzichtet. (Ist vielleicht auch nichts für Italiener.) 😉
    So sieht es bei aller Momnumetalität für mich so aus, als könnte man dort gut leben. Ein spannender Stadtteil von Rom, abseits der normalen Touristenströme.
    Schön, dass Du uns auch das gezeigt hast! Schön, dass Du dort eine so lange Zeit bist und Dir auch Zeit nehmen kannst solche Stadtteile zu sehen!
    Ich denke, für Menschen, die sich für Architektur des letzten Jahrhunderts interessieren, ist es ein lohnendes Ziel um den Horizont zu erweitern!
    Gruß
    Gernot

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    1. Hallo Gernot,
      Danke für deinen ausführlichen Kommentar! 😉 Er hat mich nochmal zum Nachdenken, Nachlesen und Nachfragen angeregt und ich habe den Artikel oben ergänzt: Vielleicht sollte man tatsächlich lieber von der Architektur des Faschismus sprechen – so lässt sich der Zweck, die Sinngebung vom Stil abgrenzen, der ja als Rationalismus nicht grundsätzlich faschistisch ist.
      Und außerdem: Ja, das Viertel ist definitiv spannend – aber auch spannungsreich. Dass mich die Architektur des Faschismus in Ihrer Darstellung beeindruckt zeigt für mich besonders, dass sie Ihre Wirkung nicht verfehlt! Die Intention war es, den imperialen Machtanspruch des italienischen Faschismus zu propagieren und dem faschistisches Gesellschaftsbild Mussolinis einen Ausdruck zu geben. Ich fand es spannend, dass die Architektur so unmittelbar diesen Eindruck erweckt und wollte gerade deshalb zeigen, dass eine Reflexion über diese Wirkung und die dahinter stehende Intention beim Betrachten unbedingt notwendig ist.
      Die Schachbrett Struktur von EUR greift auf das Markenzeichen des römischen Städtebaus zurück und ist in dieser Interpretation als imperialer Machtanspruch zu verstehen, genauso wie die anderen Bezüge auf die antike Architektur. Du fragst, ob in dieser Zeit etwas positives passiert sein kann: Die Intention dieser Architektur war es ein Regime zu präsentieren und propagandistisch ins Licht zu rücken, das ohne Zweifel eine menschenverachtende Ideologie verfolgte. Es geht auch in EUR durchaus um Machdemonstration – nur ist die eben dem heutigen Auge immer noch gefällig, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen. Aber ich denke wir sind uns ja einig, das Ästhetik alleine niemals das Kriterium für (Kuns-)historische Bedeutsamkeit sein kann. 😉
      Vielleicht hier noch ein paar Dinge zum italienischen Faschismus und seiner Kulturpolitik: Mussolini hatte eine klare Kulturpolitik, die in das Alltagsleben der Menschen viel stärker eingegriffen hat, als in Deutschland. So war es zum Beispiel sein Anspruch, jedes öffentliche Gebäude in ganz Italien nach seinen Vorstellungen umzugestalten. Post, Rathaus, Polizeiwache, Bahnhof… In vielen Städten sind diese öffentlichen Gebäude noch heute im Stadtbild präsent!

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      1. Liebe Marita,
        vielen Dank für die weiteren Gedanken zu meinem Kommentar.
        Ich könnte mir vorstellen, das EUR auch deshalb eine Qualität hat, weil sich das Regime auf der Weltausstellung, der Welt auch präsentieren wollte und das dann natürlich in einem positven Licht. So wie es der Faschismus in Deutschland auch gemacht hat, in dem er der Welt 1936 weltoffene Olympische Spiele präsentiert hat. Die Bilder von Leni Riefenstahl haben wir bis heute dazu immer noch im Kopf.
        Ein Spiel mit dem schönen Schein, den die Welt so gerne sieht!

        Das der italiensische Faschismus mehr über die Kulturpolitik in das Alltagsleben der Menschen eingegriffen hat, als der deutsche Faschismus möchte ich allerdings bezweifeln. Es gilt vielleicht für die Architektur und ist in Italien damit heute immer noch präsent, da nicht so viel im Krieg zerstört wurde.
        Aber denke an die Beschreibung der Machtergreifung in „Meines Vaters Land“, oder an die Ausstellung zur entarteten Kunst, oder an den Versuch über die Deutschen Christen die evangelischen Kirche zu okkupieren,…. Und natürlich die Ermordung einer ganzen Volksgruppe die deren Kultur gleich mit ausgelöscht hat.
        Aber ich weiß, dass ist Dir natürlich alles bewußt!
        Es tut mir Leid, dass mein Kommentar damit jetzt eher so dunkel endet, aber es hatte mich irgendwie schon ein paar Tage begleitet.
        Mit den besten Grüßen
        Gernot

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