Auf der Piazza del Popolo

Die Piazza del Popolo ist „meine“ Piazza. Nur einen Steinwurf von der Casa di Goethe entfernt laufe ich fast jeden Tag mehrfach über das Kopfsteinpflaster, rechts oder links am Obelisken vorbei. Kaum ein anderer Ort gehört so sehr zu meinem Alltag in Rom. Mit den ersten Sonnenstrahlen saß ich auf den Stufen zwischen den Löwenbrunnen und je wärmer es wurde, desto mehr erwachte das Leben auf dem Platz. Hier habe ich das chinesische Neujahrsfest erlebt, die Demonstrationen und Kundgebungen von Linken und Rechten vor der Wahl. Und einmal einen ganzen Trupp Schotten, mit zwei Dudelsäcken, der plötzlich mit einem Metal-Gitaristen gemeinsame Sache machte. 😀 Die Piazza ist zu meinem Wohnzimmer geworden, zum Konzersaal, zum Kino. Höchste Zeit für eine verschwommene Momentaufnahme.

Morgens

Der Menschenstrom spühlt mich aus der Metro und über die Ampel, zwischen Mofas, Autos und Bussen hindurch über den Zebrastreifen. Durch die Porta del Popolo erreiche ich die Piazza. Morgens ist hier meist noch wenig los. Eine Touristengruppe versammelt sich lauschend um ihren Guide. Die ersten Rosenverkäufer laufen abwartend über den Platz. Zwei Mädchen springen von den Stufen vor dem Obelisken und ihre Mutter versucht sie im Spring zu fotografieren. Auf der anderen Seite hat ein Ehepaar die Karte auf den Knien ausgebreitet. Wo geht es heute hin? Ein Sackway-Fahrer bringt seine Fahrzeuge in Position.  Aber die Bänke an den Rändern sind leer und der Platz ist in seiner ganzen Weite spürbar. An manchen Tagen glänzt das Kopfsteinpflaster vor Regen und ich muss aufpassen nicht schon vor der Arbeit in eine Pfütze zu treten. An anderen Tagen scheint mir die Sonne ins Gesicht, wenn ich zum Park der Villa Borghese hinaufschaue, bevor ich auf die beiden Zwillingskirchen zugehe und die Piazza auf der Via del Corso wieder verlasse.

Mittags

Inzwischen hat sich der Platz gefüllt. Auf den Stufen vor dem Obelisken sitzen Römer und Toruristen, reden, rauchen, machen Fotos, lesen Zeitung, schauen in die Sonne. Mitten drin: Ich mit meinem Mittagessen. Eine Gruppe ragazzi steckt die Köpfe über einem Handy zusammen. Kinder klettern für ein Foto auf den Rücken des Löwen. Ein fliegender Händler verkauft zwei Frauen vor mir eine Powerbank, weil ihr Handyakku leer ist.

Verkehrslärm von der Straße, Schritte auf dem Kopfsteinpflaster, das beständige Plätschern der Fontänen, die die vier Löwen ausspucken. Richtung Via del Corso steht ein Mann und macht riesige Seifenblasen, kleine Kinder laufen hinterher um sie einzufangen. Vor der Porta del Popolo verkauft ein anderer Selfie Sticks. Ein Rosenverkäufer taucht seinen Strauß ins Wasser, damit die Blüten glänzen. Die Tauben picken zu meinen Füßen und um mich herum, fliegen auf und kommen zurück um in meiner Dose zu picken sobald ich nicht hinschaue. Die Musik eines Geigers lässt die Menschen in Tanzschritten über den Platz laufen, ein Päärchen versucht sich im Walzer.

Ich schließe den Deckel und stecke den Löffel ins Mäppchen. Lehne mich zurück und schaue in die Sonne. Noch ein Caffè? Oder noch ein bisschen sitzen bleiben und die Ruhe in mitten der Menschen genießen?

Abends

Wenn ich gegen 18.00 wieder über die Via del Corso Richtung Piazza laufe, höre ich die Musik meist schon von weitem. Sobald es etwas wärmer wird, kommen die Straßenkünstler. Besonders Samstags Abends zieht es auch viel Publikum auf die Straße und oft ist der Corso schon voller Menschen. Ab und an bleibe ich, setze mich noch einmal auf die Stufen oder gönne mir ein Eis. Wenn die Sonne in die Lücke zwischen den Häusern tritt, taucht sie die Terasse der Villa Borgehse, den begrünten Hang davor und die Statue der Göttin Roma darunter noch einmal in orange-rotes Licht. Zu den Klängen der E-Gittarre schweben weiter Seifenblasen über den Platz. Diesmal jagt ein junger Mann mit Downsyndrom ausgelassen hinter ihnen her. Eine Familie versucht ein Gruppenselfie inclusive Obelisk. EIn kleines Mädchen tanzt selbstvergessen zwischen den Menschen zur Musik und schlägt plötzlich ein Rad. Zwischen den fliegenden Händlern steht nun ein in goldgewandeter Tutanchamun, der eine Gruppe Schüler verulkt. Ein Sackway-Fahrer Rollt auf der Suche nach Kundschaft zwischen den Touristen her. Sobald es dunkel wird schießen die Händler ihre leuchtenden Spielzeuge in den Himmel.

Immer wieder kommen neue Menschen auf die Piazza. Bleiben stehen, machen Fotos, reden. Manche setzen sich einen Moment auf die Stufen, schauen sich um, hören zu. Andere stehen auf und gehen. Alles bleibt im Moment, alles bleibt in Bewegung. Es gibt spontane Begenungen, ein kurzes Gespräch zwischen Fremden, ein Straßenkünstler, der eine Gruppe Touristen zum Lachen bringt, dann löst sich die Szene wieder auf. Man geht auseinander, die Piazza bleibt und aber vielleicht nimmt der ein oder andere ein Erlebnis, ein Bild mit.

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An manchen Tagen bin ich auch noch spät Abends hier, wenn es im Museum eine längere Veranstaltung gab. Dann ist die Piazza schon wieder leerer. Zwei Straßenmusiker spielen Pink Floyd für ein Grüppchen ragazzi, für den Mond oder vielleicht auch einfach nur für sich selbst. Ich setze mich einen Moment dazu summe mit und laufe dann zur Metro. Die flirrenden Klänge der E-Gitarren begleiten mich und ich weiß: Morgen bin ich wieder hier, alles wird genauso sein und doch wieder ganz anders.

7 Kommentare zu „Auf der Piazza del Popolo

      1. buon giorno Marita, damit meinte ich, ich vermisse bella Italia,..aber ja, deine Beschreibungen sind so lebendig, dass ich mich sehr darüber freuen würde, wenn du in der Hinsicht, bald mal wieder etwas schreibst. Vielleicht habe ich das aber auch so formuliert, damit es bei dir, genau das richtige auslöst 😉 kurios oder? … LGTete

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      2. Haha, ja, ich finde auch du findest immer sehr treffende Worte 😉
        Aus Bella Italia werde ich aber in nächster Zeit eher nichts schreiben. Bin erstmal fest an das Ruhrgebiet gekettet. Sehr schade!

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