Kaffee trinken – eine Kulturtechnik

Wer kennt es nicht: Die Oma hat Geburtstag, pünktlich um 16.00 findet sich die Familie ein. Der Tisch ist festlich gedeckt mit dem besten Geschirr, in der Mitte die Geburtstagstorte und daneben – die Kaffeekanne mit Omas bestem Filterkaffee. Dieses Bild kommt mir in den Kopf, wenn ich versuche die Begriffe „Kaffee“ und „Tradition in Deutschland“ gedanklich mit einander zu verbinden. Natürlich geht das Ganze auch ohne Geburtstag und sogar ohne Oma, stattdessen mit der besten Freundin / dem besten Freund, aber halt gemeinsam mit netten, bekannten Menschen, gemütlich und am besten mit einem Stück Kuchen. Und dem Filterkaffee.

Ist ja auch ganz nett. Vielleicht ein bisschen angestaubt, aber doch sympatisch. Man nimmt sich Zeit füreinander, für den Kaffee, für sich selbst – je nachdem. Und dann gibt es den schnellen Kaffee. Mit den Kollegen, in der Teeküche, im Stehen. Oder im Thermobecher in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit, weil die Zeit zu Hause mal wieder nicht gereicht hat. Im Bahnhof bilden sich zwischen 7.00 und 10.00 Schlangen vor den Bäckereien um die arbeitende Bevölkerung mit Kaffee to go im Pappbecher zu versorgen. Diese Art des Kaffee trinkens wird irgendwie immer mehr, während die andere – vor allem so ganz traditionell zu Hause und nicht im Café – immer mehr abnimmt.

IMG_20180210_084223411Ich persönlich trinke meinen Kaffee gern in Ruhe. Vor allem morgens. Ich liebe ich den Geruch, nehme mir die Zeit, genieße jeden Schluck. Danach bin ich bereit für andere Menschen, die mit mir kommunizieren möchten und kann das Haus entspannt verlassen. 😉

Dass es in Italien eine besondere Kaffee Tradition gibt, hatte ich ja schon gehört. Aber um das ganze Ausmaß zu verstehen hat es einige Zeit gedauert. Denn Kaffee trinken ist eine Kulturtechnik und und zwar eine, die erstaunlich oft eine kulturelle Zugehörigkeit aufweist. Rom, Paris, Wien, Berlin, Stockholm – alle trinken ihren Kaffee auf die eigene Art und Weise und machen damit nach Innen und Außen ihre Zugehörigkeit deutlich.

Bei meinem ersten italienischen Kaffee habe ich so ziemlich alles „falsch“ gemacht. Ich habe ihn an der Theke bestellt und dann mit zum Tisch genommen. Ich habe ihn langsam und gemütlich getrunken. Und bin noch länger sitzen geblieben um noch etwas zu lesen und Leute zu beobachten. Typisch Deutsch. Die Kellnerin quittierte mein Verhalten dann auch mit Lächeln und Kopfschütteln.

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Aber ich wollte das Kaffee trinken lernen. Formal ist es nicht schwer: In eine Bar gehen und einen Kaffee bestellen. Trinken. Bezahlen. Gehen. Also trainierte ich jede Mittagspause. Probierte mehrere  Bars aus, stand zwischen Geschäftsläuten und Touristen, bestellte meine Caffè auf Italienisch und ging sobald er leer war. Aber ich kam nicht an den Punkt der mich interessierte: Wo ist das identitätsstiftende Moment bei dieser Kaffeetrinkerei? Die Schnelligkeit stresste mich, mir fehlte die deutsche Gemütlichkeit. Der Geruch des Kaffees versetzte mich automatisch in einen Ruhemodus, der die Gedanken fließen lässt, aber nach kaum 5 Minuten ist die Tasse leer und ich verlasse aufgeschreckt die Bar.

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Etwas frustriert gebe ich das Experiment vorerst auf. Koche meinen Kaffee in deutscher Stärke in der italienischen Mokka-Kanne unserer Teeküche und trinke ihn gemütlich bei der Arbeit. Aber dann verlasse ich eines Tages die Pizzaria in einer Seitenstraße und habe einfach Lust auf einen italienischen Caffè, der geschmacklich doch etwas besonderes ist. Die Bar gegenüber sieht nett und wenig toruistisch aus. Ich stelle mich an die Bar und bestelle einen Caffè, der eine Minute später vor mir steht, rühre mit dem kleine Löffel etwas Zucker hinein. Stütze die Arme auf die Theke und schaue dem Barista zu, wie er schwungvoll die Spülmaschine einräumt und sich dabei locker mit den zwei Mädels neben mir unterhält. Die Atmosphähre ist locker, fast familiär. Nach zwei Schlucken, stelle ich die Tasse zurück auf den kleinen Unterteller, zahle und gehe. Ciao, Grazie!

Ich komme wieder. Bald kenne ich die Belegschaft, die Besitzerin. Beim Reinkommen werde ich schon erkannt: Caffè? Ich mag die Atmosphäre, die kleinen Gespräche über die Theke hinweg, die Radiomusik. Mal sitzt ein kleines Mädchen auf der Theke und zerpflückt glücklich ein Zuckertütchen während die Mutter Caffè latte trinkt, mal dikutieren ein paar ältere Damen, wer den nun bezahlen darf. Die Angestellten der umliegenden Hotels stehen neben mir an der Theke und rühren in ihrem caffè machinato und der die beiden Barista scherzen und pfeifen die Musik mit, während sie die Siebträgermaschiene befüllen.

Ich mag es, dass ich meinen Caffè in einer kleinen Porzelantasse bekomme, mit Untertasse und Löffel. Ich mag die Ruhe, die sich für einen Moment in mir ausbreitet. Ich trinke meinen Caffè allein, aber für den Moment entsteht eine Gemeinschaft mit den anderen Menschen in der Bar. Der Raum ist klein, voller Menschen. Und uns verbindet eine offene, zwanglose Atmosphäre in der jeder seine Pause genießen kann, ohne allein sein zu müssen.

 

Mit einer Freundin aus Deutschland taste ich mich dann noch weiter vor: An einem unglaublich regnerischen Tag landen wir morgens schon in einer Bar, bestellen Caffè und Cornetto und frühstücken italienisch. Am nächsten Tag probieren wir die Pasticheria gegenüber der Metro Station aus und ich bin ehrlich gesagt begeistert: Cappuccino, Cornetto semplice, ein lächelnder Barista der uns ein Glas Wasser hinstellt. Das Gedränge stört mich gar nicht mehr. Und es schmeckt himmlich! Von jetzt an frühstücke ich zweimal. Bald kennt mich auch hier der Barista, lächelt mir schon beim eintreten zu und stellt mir meinen Cappuccino mit einem Augenzwinkern auf die Theke. Als ich einmal etwas später komme und die Bar schon leerer ist fragt er: Vuoi Chioccolata? (Willst du Schokolade?) und verziert mir meinen Cappucciono mit Schokoladensoße 🙂 Mi piace! Von da an ist „Il Cappucciono per la ragazza“ (Der Cappucciono für das Mädchen / die junge Frau) ein fester Bestandteil in meinem Vormittag. Ich liebe das Klappern von Geschirr um mich herum, die Menschen, die jeden Morgen herkommen und einen kurzen Schnack mit dem Barista halten. Am Wochenende steht ein Tenager mit seinen Eltern an der Theke. Ein Mädchen, das kaum mit der Hand über die Theke reicht rührt selbstvergessen im Cappucciono ihres Vaters und hält ihren Rollerhelm fest im andern Arm. Die Verkäuferin berät an der Vitrine hinter mir eine Nonne beim Torten Kauf. Ein älterer Herr betritt den Laden, wird vom Besitzer mit Schulterschlag begrüßt: „Un Caffè per Signore Paolo!“ 

Kaffee trinken ist in Italien Gemeinschaftssache. In Neapel gibt es noch immer die Tradition einen Sospeso zu bestellen. Also einen Caffè zu trinken und zwei zu bezahlen. Jemand der weniger Geld hat, kann dann fragen ob ein Caffè verschenkt wurde und auf diese Weise am gesellschaftlichen Leben teilhaben. In ganz Italien gibt es keine einzige Starbucksfiliale! Warum auch? Die amerikanische Art des Kaffee trinkens, ist eine ganz andere und hat in Italien einfach keinen Platz.

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Die Italiener haben die Bar, die Österreicher ihr Kaffeehaus, die Amerikaner haben Starbucks und in Schweden wird der Milchkaffee am Küchentisch getrunken. Vielleicht ist es kein kein Wunder, dass von den Hippstern in Berlin vor einer Weile der Filterkaffee wiederentdeckt wurde. Das gute deutsche Kaffee Trinken erlebt einen Aufschwung!

4 Kommentare zu „Kaffee trinken – eine Kulturtechnik

  1. Ja das ist schon interessant, wie der Kaffee in verschiedenen Ländern genossen wird.
    Meine ersten Kaffee Tradition hab ich in den Niederlanden erlebt. (Und das obwohl ich damals noch gar keinen Kaffee getrunken hab)
    aber die Tatsache 3x am Tag eine kleine Pause einzulegen, hat mich begeistert, und das ging auch mit Tee.
    Die Holländer trinken auch mit Begeisterung Kaffee : am Vormittag, so gegen 10:00 , am Nachmittag und gerne auch nochmal am Abend, so um 20:00!! Und immer gibt es dazu EINEN Keks.( dann wird die Dose wieder zugemacht und weggestellt) Jeder, der gerade im Haus ist bekommt selbstverständlich einen Kaffee. Natürlich Filterkaffee, die Milch im kleinen Topf angewärmt.
    Aber auch im öffentlichen Leben ist die „Coffietijd“ ein fester Bestandteil.
    da ich später im eigenen Familienalltag zwar immer noch keinen Kaffee getrunken hab, die kleine Unterbrechung aber nicht missen wollte, hab ich das ganze “ Pause“ genannt und so heißt es bei uns ja bis heute.
    Inzwischen trinke ich sehr gerne Kaffee und liebe die Kaffeestündchen mit Freundinnen, bei denen wir nicht selten wirklich tiefgehende Gespräche führen, unsere Sorgen loswerden können und miteinander Lösungen suchen. Deshalb nennen wir es inzwischen “ therapeutisches Kaffeetrinken“. Ich möchte es nicht missen.

    Eine andere Kaffee- Kultur- Erfahrung habe ich in Schweden, gemacht: wenn wir in ein Café gingen, war es selbstverständlich, dass eine Kaffeekanne mit Filterkaffee auf einem Tisch stand. Tassen, Zucke , Milch, Wasser dabei.
    Man bestellt an der Theke Kuchen, bezahlt den Kaffee und bedient sich selbst an den Kaffeekannen. auch ein 2. Mal darf man sich einschenken. ich fand das sehr entspannt..

    Auf jeden Fall ist ein Kaffee immer eine gute Gelegenheit, eine kleine Pause einzulegen.Ich wünsche dir noch viele schöne Kaffeemomente.

    …. und jetzt mach ich mir mal meinen Mittagskaffee 😉

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    1. Wow! Da hast du als Teetrinkerin aber viel über das Kaffeetrinken gelernt! 🙂 Ich hatte ja gehofft, dass du auf diese Weise deine niederländische Kaffee Begeisterung mit uns teilst. Den Begriff „Pause“ finde ich auch immer noch sehr treffend – und ich glaube er trifft auch auf viele verschiedene Kulturen zu. Nur dass sich die Pause eben überall anders gestalltet 😉

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