Das musst du mit eigenen Augen sehen!

In meinem letzten Beitrag habe ich ja darüber geschrieben, dass ich früher ziemlich viele Handyfotos gemacht habe. Dabei ist mir noch eine andere Situation eingefallen in der häufig Fotos entstehen, und zwar im Museum. Vielleicht kennt Ihr die von Kameras umlagerten „Meisterwerke“ in große Museen. Da Kultur und der Umgang damit, mich ja besonders interessiert, war mir das einen eigenen Beitrag wert. Und eben darum sind vielleicht hier und da auch die wissenschaftlichen Pferde ein bisschen mit mir durch geangen. Dafür gibt’s dann aber unten nochmal ein paar ganz praktische Tipps 😉

Hinschauen – manchmal ganz schön schwer

Ich höre immer mal wieder Sätze wie: Ich geh nicht ins Museum. Was soll ich denn da? Zu anstrengend. Zu langweilig. Zu intelektuell. Wer doch hingeht, läuft meist schnell durch: Es gibt Studien dazu, wie lange Menschen im Schnitt vor einem Bild stehen und ich lasse Euch gar nicht erst raten: Es sind 7 Sekunden  – wenn es ein allgemein bekanntes Bild ist. Bei unbekannten Künstlern sogar nur 3 Sekunden! Und die Überraschung: Es gibt kaum Unterschiede zwischen Laien und Fachpublikum!! Warum das so ist? Stehende Bilder erfordern größere Aktivität als bewegte Bilder. Wahrnehmungspsychologisch macht das Sinn, denn bewegte Dinge sind für uns potenziell gefährlicher, sich darauf zu konzentrieren fällt uns dehalb leichter. Eine Fliege an der Wand nehmen wir oft erst war, wenn sie sich bewegt. Und Fernsehen ist entspannter als Lesen. (Es tut mir Leid, dass ich das jetzt einfach mal so ohne Quelle stehen lasse – ich habs in der Uni gelernt :P)

Nun ist die Problematik bei Museen eben oft auch, dass dort sehr viele Bilder hängen. Wenn man vor jedem eine halbe Stunde stehen wollen würde, dann könnte man den Kaffee im Museumscafé wohl abschreiben und der ist natürlich das Beste am Museumsbesuch 😉 Aber eigentlich ist es ganau das, worum es geht: genau zu gucken. Das Bild auf sich wirken zu lassen und diesen Moment, in dem man das Bild nur als Information erfasst, verstreichen zu lassen. Um dann zu merken, dass noch viel, viel mehr in dem Bild steckt. Gemälden können wirklich zum Erlebnis werden – und zwar genau so sinnlich-emotional, wie das auch auf einem Konzert oder beim Essen sein kann. Oder bei einem guten Buch. Ich habe vor Kunstwerken schon Herzklopfen und Tränen in den Augen gehabt, weil sie mich emotional so tief berührt haben. Vielleicht geht das nicht jedem so, aber auch ganz rational und analytisch lässt sich in Kunstwerken viel erleben.

Wer fotografiert, nutzt ein Hilfsmittel um sich mit dem Werk auseinander zu setzten – zumindest wenn er es nicht nur im vorbeigehen ablichtet um sich sich daran zu erinnern, es jemandem zu zeigen oder wie auch immer. Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Das Kopieren von berühmten Werken mit Hilfe von Zeichnungen gehört zum Beispiel seit Jahrhunderten zur Grundausbildung von Künstlern. Doch Fotos unterscheiden sich von Zeichnungen an zwei wesentlichen Punkten. Zum einen sind sie viel schneller gemacht und brauchen oft auch weniger detailierte Blicke. Zum anderen entsteht eine technische Reproduktion, die so genau ist, dass wir häufig das Gefühl haben einem gleichwertigen Werk gegenüber zustehen. Walter Benjamin setzt sich in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ mit Fotografie und Film auseinander und kommt zu dem Schluss, dass die Aura eines Originals nur im Hier und Jetzt erfahrbar ist.

Das Hier und Jetzt des Originals macht den Begriff seiner Echtheit aus. […]. Der gesamte Bereich der Echtheit entzieht sich der technischen – und natürlich nicht nur der technischen – Reproduzierarkeit.

(Walter Benjamin: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ – wer den kurzen Aufsatz mal nachlesen will klickt hier)

Das Original kann also nicht vervielfältigt werden, denn seine Aura ist nur in der direkten Gegenüberstellung zu erleben. Für Benjamin liegt das daran, dass das Original immer in einen Traditionszusammenhang eingebunden ist. Und das wiederum bedeutet, dass Kunstwerk und Betrachter dafür gemacht sind zu interagieren! Ist das nicht Wahnsinn? Das bedeutet, die Frage ist nicht: Was hat sich der Künstler dabei gedacht? Sondern: Was kannst du mit dem Kunstwerk erleben?

Empfehlung und Inspiration

Wer jetzt Lust sich mal ein bisschen im Museum umzugucken, sich aber doch nicht so recht traut oder nicht weiß, wie er’s angehen soll, der sollte sich diesen Blogartikel ansehen, Frau DingDong bring’s nämlich ziemlich auf den Punkt, da möchte ich eigentlich gar nichts mehr hinzufügen 🙂 Also: Auf ins Museum!

 

PS.: Die Künstlerin Marina Abramovic präsentierte 2010 ihre Arbeit „The Artist ist present“ im Museum of Modern Art in New York. Sie saß 271 Stunden auf den Stuhl. Ihr gegenüber konnten sich Besucher hinsetzen, ihr in die Augen schauen und von ihr angeschaut werden. Kunstwerk und Künstler verschwimmen im Blickkontakt zwischen Werk und Betrachter. Die Kunst entsteht im Moment des Hinschauens.

PPS.: Vielleicht ist es die Königsdiziplin, jemandem in die Augen zu schauen. Und auch dabei wirklich hinzuschauen. Probierts aus! 😉

 

Was erlebst du beim Museumsbesuch?

 

15 Kommentare zu „Das musst du mit eigenen Augen sehen!

  1. Hallo Marita,
    vielen Dank für deinen sehr ausführlichen Beitrag. Habe ich gerne und mit Freude gelesen.
    Ich gehe gerne ins Museum, allerdings weniger wegen der Kunst, sondern wegen den Menschen. Ich betrachte also nicht nur das Werk, sondern lieber Kunstwerk und Betrachter zusammen. Ihre Reaktion finde ich persönlich interessanter. Wobei mich das „Fachpublikum“ besonders anlockt, neben ihnen zu verweilen. Häufig fotografiere ich dann Beide zusammen.
    Liebe Grüße, Peter

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    1. Hallo Peter,
      Ja, Menschen sind immer spannend! Das Museum ist da in der Tat eine besondere Beobachtungsstätte 😉
      Kennst du die Fotos von Thomas Struth? Er hat auch Menschen im Museum fotografiert. Mit ihm gemeinsam den Blick hinter der Kamera einzunehmen und auf Menschen, Kunst, Raum und Museum zu blicken eröffnet auch eine ganz neue Perspektive. In vielerlei Hinsicht.
      Liebe Grüße,
      Marita

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  2. Hallo Marita, Frau Abramovic hat mich mit dieser Aktion sehr beeindruckt. Soviele Gefühle, wurden durch den tiefen Blick in die Augen und somit auch in die Seele, hervorgerufen. Das hat mich in der Tat sehr berührend. Ich habe mir einige Begegnungen im Fernsehen angeschaut. Liebe Grüße Tete

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    1. Hallo Tete, ja das muss wirklich etwas besonderes gewesen sein. Ich bin auf Marina Abramovic durch die große Ausstellung in Bonn, Anfang des Jahres aufmerksam geworden und alleine die Fotos und Videos haben mich schon sehr beeindruckt. Für mich auch Anlass, den Menschen selbst wieder mehr in die Augen zu gucken…
      Liebe Grüße, Marita

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      1. Ja, das kenne ich. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass viele das nicht gerne haben. Es scheint eine Grenzüberschreitungen zu sein oder zumindest ungewohnt, sich so zu zeigen. Dabei kann mit dem in die Augen gucken, ja auch viel sagen! Egal in welche Richtung, es lohnt sich, finde ich 🙂
        Hab einen Tag voll schöner Augenblicke!
        Marita

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      2. Ja, das stimmt Marita. Es gibt viele Menschen, denen das unangenehm ist. Aber es sagt eben viel über Menschen aus, sowohl als auch, wie du schon schreibst. Das wünsche ich dir auch schöne „Augen-Blicke“ 🙂 ….Tete

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  3. Hallo Marita,
    ich dachte ich besuche dich hier mal „direkt“
    und ja, ich war neugierig, was du sonst noch so machst…

    Zum Thema: Der Aspekt der Echtheit und Authentizität ist mir besonders wichtig, auch bei Kunstwerken.
    Mir geht es dabei um die Essenz, die Verbindung, welche sich aufbaut, zwischen mir und dem, was ich sehe, wo ich hinab tauchen kann – was allerdings auch für Musik gilt. Natürlich sind die Voraussetzung und der Zugang von Mensch zu Mensch verschieden.

    Was das Thema Fotos angeht. Hier wird ein zusätzlicher „Schleier“ eingebaut, der für eine gewisse Distanz zum „Objekt“ führt; wie auch bei anderen Medien oder auch Techniken. Gerade bei der vielen Handy-Fotografiererei fällt mir immer folgendes zu den „Fotografen“ ein: Ladet doch bitte die „Einsen und Nullen“ direkt in euer Hirn, Herz, Bauch etc. herunter – dann sind sie auch jederzeit abrufbar. Auch wenn ich den Eindruck habe, wohl auch aufgrund der Reizüberflutung, daß das immer weniger können.

    Danke für den Anstoß und das Finden deiner Worte und Bilder,
    Raffa.

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    1. Hallo Raffa,
      Herzlich willkommen. Ich biete dir mal virtuell einen Stuhl an: Machs dir bequem 🙂
      Ja, ich denke auch, wer sich darauf einlässt kann zu Kunstwerken jeder Art eine besondere Verbindung aufbauen. Vielleicht ist das bei Musik sogar einfacher, weil sie weniger gegenständlich ist, als bildende Kunst. Wir werden von „einfachen“ Deutungen nicht so schnell abgelenkt.
      Und ja, der Blick durch die Kamera schafft eine Distanz. Aber so sehr ich das emotionale Einlassen auf ein Kunstwerk auch schätze und fördern möchte – auch eine kritische Distanz kann manchmal förderlich sein. Für mich ist das reflektieren über das was ich sehe UND fühle oft der Schlüssel zu einem Kunstwerk.
      Einen schönen Tag!
      Marita

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      1. Besten Dank für den Stuhl in deiner Ausstellung.
        Hast mich mit deiner Antwort etwas neugierig gemacht, was den „einfache“ Deutungen sein könnten, bei der Betrachtung, „Belauschung“?? bei „kunstvollen Creationen.

        Danke
        und auf bald,
        Raffa.

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  4. Hallo Raffa,
    Oh, dass war wohl eine etwas zu kurzgedachte und kunsthistorische Antwort von mir. Ich meinte so Dinge wie: Oh, da liegt eine verwelkte Blume, das bedeutet dass es da um Vergänglichkeit geht o.ä. Wenn man da aufhört zu denken oder zu spüren, dann verpasst man möglicherweise dad spannendste 😉
    Marita

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  5. Ja, das ist doch oft so, daß das „Einfache“ die intensivere Essenz in sich birgt – im Gegensatz zu, sagen wir mal „verkopftem Kubismus“ oder so…(;-)
    Doch jeder Jeck ist anders und es kommt wohl letztendlich darauf an, wie sehr wir von dem Kunstwerk gezogen werden, in eben solches…
    Das macht die Entdeckungsreisen so spanndend, wohl wahr.

    Liebe Grüße,
    Raffa.

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    1. Hallo Raffa,
      darf ich dir einen ehrlichen Regenschirm reichen? Ich will dich natürlich nicht im Regen stehen lassen…. 🙂

      Was meinst du hier mit „Einfach“?
      Der direkte Kontakt mit dem Kunstwerk ist auf den ersten Blick gesehen sehr einfach. Aber auf den zweiten kann es doch sehr kompliziert sein. Fragen kommen auf und wollen beantwortet werden, emotional und intellektuell. Dann nicht einfach weiter zu gehen, ist die Schwierigkeit. Wie immer im Leben wird es doch erst spannend, wenn man sich den großen Fragen stellt. So sehr ich das. Habe ich dich richtig verstanden, wenn du da ähnlich denkst?

      Einen schönen Abend dir noch 🙂
      Marita

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      1. Na, wenn z.B. ein Kunstwerk mit dir spricht, wenn du es verstehst und zuläßt, daß es dich in sich „reinzieht“ – ist auch diese Kraft da, dieser weitere besondere Zugang, um auch die kompliziert aussehenden Dinge in Angriff zu nehmen – dann fallen dir auch die einfachen Antworten zu den großen Fragen zu – das liegt dann auch an der Authentizität des Kunstwerks, wie auch des Künstlers und logischerweise daran, daß du dich auf beide eingeschwungen hast.
        Und manchmal ist es dann manchmal so, als ob du dem Künstler über die Schulter schaust — oder auch genau umgekehrt…

        Es ist dann diese besondere Verbindung, die einfach da ist und es einfach macht, selbst Dinge zu entdecken, die nicht so offensichtlich erscheinen.
        So, jetzt habe ich wieder einfach drauf los geschrieben, nimm es nicht so ernst oder erlaube es nachzuspüren oder so.
        Einen schönen Abend noch,
        Raffa.

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