Analog Fotografieren

Ich bleibe auf der Brücke stehen und schaue über den Fluss. Das Licht kommt schräg zwischen den Bäumen hindurch, taucht die Zweige in einen orangenen Schimmer. Das Wasser sieht aus wie blaue Seide, die Boote schaukeln leicht im Strom.

Es ist ein stimmungsvoller Anblick, eine Atmosphäre.

Ich ziehe den Riemen der Kamera von der Schulter und schaue durch den Sucher. Welcher Bildausschnitt fängt ein, was ich will? Bäume links, Boote leicht rechts, in der Mitte ein breiter Wasserstreifen? Oder doch lieber die Boote in der Mitte und die Zweige nur unscharf am Rand? Ich drehe am Focus, stelle scharf, teste das Licht und verschiedene Blickwinkel. Ich lege mich fest, fokussiere, stelle im Zoom die richtigen Werte ein. Wie ist die Belichtungszeit? Doch lieber die Kamera auf die Brüstung legen. Noch mal durch den Sucher gucken, scharfstellen, Zoom festlegen.

Und dann auf den Auslöser drücken.

Klick-Klick

Und den Film weiter spannen.

Ich muss lächeln. Ich bin neugierig wie das Bild geworden ist. War der Focus richtig? Hab ich nicht doch vielleicht an der Kamera gewackelt? Ich weiß es erst in ein paar Wochen, wenn ich den Film vollgeknipst habe. Wenn ich ihn zum entwickeln in ein Filmdöschen gesteckt und beim Fotoladen abgegeben habe. Wenn ich dann zwei Werktage später zum ersten Mal die Bilder durchsehe, am Ladenthresen und nur um die schlimmst Bilder auszusortieren. Aber erst wenn ich auf dem Sofa sitze, die Bilder durchblättere und mich erinnere: Ja, so war das. So hat es ausgesehen. So hat es sich angefühlt. Dann weiß ich, ob das Bild wirklich etwas geworden ist.

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Analog zu fotografieren ist neu für mich. Auf meiner letzten Reise, bin ich in einem Monat durch drei Länder gereist, war in 14 Städten und habe 7200 Kilometer zurückgelegt. Manchmal waren wir nur einen Nachmittag in einer Stadt. Es war toll, die Zusammenhänge zwischen den Kulturen zu spüren, zu sehen wie sich die Architektur, das Wetter, das Essen ändert. Aber Fotos habe ich oft im Vorbeigehen gemacht. Mit dem Handy. Das war sowieso in der Hosentasche, immer griffbereit: Einmal übers Display wischen, kurz drauf gucken, antippen, fertig. Kann man ja später noch mal genauer angucken was das eigentlich war. Und wenn ich dann nach der Rückkehr auf dem Sofa saß hab ich oft überlegt: War das nun Lyon? Oder Dijon? Oder doch noch Colmar??

Ganz klar, das passiert einem auch beim analogen Fotografieren. Aber ich mag es, mich mit dem Bild zu beschäftigen, mich bewusst zu entscheiden: Das will ich festhalten. Das ist es mir wert aufgehoben zu werden. Diese Geschichte will ich erzählen. Ich mag es, verschiedene Perspektiven einzunehmen – und mich für eine zu entscheiden. Und ich mag es, mich selbst zu überraschen: Oh, das hat ja tatsächlich geklappt! Oder auch: Mist, nichts geworden…

Und nicht zuletzt mag ich das haptische. Wenn man am Focus dreht, sieht man, das sich was ändert. Wenn man den Auslöser drückt hört man das Klick-Klick der beiden Spiegel. Manchmal macht es auch klicklick. Dann bin ich voller Hoffnung, dass alles gut wird. Oder es macht Klick … Klick. Dann kann ich nur hoffen, dass meine Hand so ruhig war wie ich dachte. Desto länger die Blende offen ist, desto mehr Licht fällt hinein. Das ist gut, wenn es dunkel ist. Aber das heißt auch, dass die Kamera ruhig stehen muss und sich auf dem Bild wenig bewegen darf.

Und schließlich habe ich am Ende die Bilder in der Hand. Ich sitze auf dem Sofa und schaue sie an. Ich kann mich mit Freunden darüber beugen und sie auf Details aufmerksam machen, die vielleicht in der Unschärfe der Bilder nur zu erahnen sind. Ich kann sie am Kaffeetisch bei einen Großeltern weiterreichen, von bis sie einmal die Runde gemacht haben und zu mir zurückkommen. Und ich kann sie einkleben, in ein Fotoalbum. Mit kurzen Beschreibungen daneben. Ein Fotoalbum, das ich ins Regal stelle und vielleicht Jahre nicht anschaue. Aber irgendwann doch wieder hervorziehe um die Erinnerung ein wenig zu kitzeln.

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Als Mensch, der sich ungern mit Materiellem belastet, ist genau das auch etwas das mich ein wenig stört. Ich bin dann doch mit Feuereifer dabei, wenn es darum geht mit meiner Analogkamera jedem Menge materielle Fotos zu erzeugen. Die ich irgendwo lagern muss. Und die Negative erst! Ja, das ist ein Nachteil, zumindest in meinen Augen. Die Diskussion: Hobby vs. Minimalismus löst bei vielen Minimalist*innen viel Nachdenkerei aus. Auch ich bin noch nicht damit fertig.

Das ich das manuelle und analoge Fotografieren trotzdem genieße hat verschiedene Gründe.

  • Begrenzung: Ich fotografiere nicht „auf Vorrat“ und sortiere später aus. Ich entscheide mich im Moment des Fotografierens. So habe ich von Anfang an weniger.
  • Bewusstsein, Achtsamkeit: Ich konzentriere mich nicht darauf, so viel wie möglich festzuhalten, sondern bleibe bei dem was mir wichtig ist. Durch die Beschäftigung mit dem Bild überlege ich mir auch gleichzeitig, was für mich daran eigentlich wichtig ist.
  • Risikobereitschaft: Wenn ein Bild nichts geworden ist, dann hab ich Pech gehabt. Manchmal ärgert mich das. Aber oft ist es im Rückblick gar nicht so schlimm.
  • Exklusivität: Der Film hat 36 Bilder. Ich kann nicht einfach drauf losknipsen und mir später überlegen, was ich damit eigentlich will. Die Möglichkeiten und Chancen sind begrenzt.Aber wenn ich später mit jemandem die Bilder angucke, dann ist auch klar: Diese Bilder zeige ich Dir. Hier und Jetzt. Sie sind niemals mein Whatsapp-Status gewesen oder per Rundmail an alle gegangen. Sie zu reproduzieren würde wesentlich mehr Zeit und Geld koste als sie einfach nur mit einem leichten Druck des Zeigefinders von einem Ordner in den anderen zu verschieben. In diesen Bildern steckt Arbeit, Konzentration und der Wille etwas festzuhalten, eine Geschichte zu erzählen. Und letztendlich ist es das, was sie besonders macht.

Soo, genug geredet. Denkt ihr auch, dass Analog Fotografieren etwas besonderes ist, oder ist das noch der Charme des Anfängerglücks? Kann man vielleicht auch alles, was ich als Besonders empfinde mit einer Digitalkamera erleben? Teilt Euch mit!

2 Kommentare zu „Analog Fotografieren

  1. Hallo Marita,
    was du erzählt hast, fand ich einfach toll.
    Mit dem digitalen Kamera schliß man tausende Fotos, die man später nur ganz wenig von denen auswählen würde, um ein Album zu machen. Aber diese Risiko zu nehmen, dass man nur 36 Versuche hat, ist was sehr wertvolles, denke ich. Bevor man das Foto macht, denkt man richtig kritisch daran, ob das Foto oder der Moment richtig wert ist. So was könnte nur von den guten Fotografen/-innen gemacht werden, glaube ich. Ich habe immer noch ab und zu Probleme richtige Beleuchtung einzustellen oder Ähnliches. Wenn ich damit gut umgehe, würde ich auch lieber Analog fotografieren. Ich habe kein Fotoalbum und meine Eltern haben viele, statt ein Facebook-Konto zu haben.
    Du hast über ein sehr schönes Thema geschrieben. Vielen Dank für den Beitrag.
    Liebe Grüße
    Yusuf

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Yusuf,

      Schön, dass dir der Beitrag gefällt, du bist ja nicht ganz unschuldig daran 🙂 Ich bin bestimmt auch keine gute Fotografin, aber das analoge Fotografieren hat mich vielleicht etwas aufmerksamer gemacht. Und ein bisschen ist mein Motto auch dabei: No risk, no fun 😉
      Es stimmt schon, irgendwie ist es schöner, ein Fotoalbum zu haben, als ein Facebook-Konto oder ein Instagram Account. Ich finde es auch immer besonders schön, Fotos gemeinsam anzugucken, Erinnerungen auszutauschen und so weiter. Ich finde es so wichtig Dinge gemeinsam zu machen!

      Hab noch viel Spaß beim fotografieren, egal ob digital oder analog.
      Marita

      Gefällt 2 Personen

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