Von Sozialromantik und Abrisspartys

Ranzburg_Klingel

SZENE 1: Das Ende der Ranzburg

Der Dielenboden unter mir bebt. In dem 16 m2 großen Raum mit Altbauraumhöhe wird die Hälfte von einer Liveband eingenommen. Die andere Hälfte besteht aus Zuschauern, die wild drauf los tanzen, Pogo und Headbanging eingeschlossen. Der Gitarist dreht am Regler – die Wände wackeln.

Es ist eine Abschiedsparty. Die WG, die hier fast 10 Jahre in wechselnder Besetzung Ranzburgpartygewohnt hat, muss nach einem langen Mietrechtsstreit ausziehen. Vermieter verklagt. Prozess verloren. Das ist das bittere Ende der Ranzburg, einem Haus wie ich es eigentlich nur aus 90er Jahre Filmen kenne, die in Berlin spielen. Tibetische Gebetsflaggen und Graffitiys im Treppenhaus, eine kleine WG Küche mit einem Kühlschrank voller Sticker und einem selbsgeschraubten Regal auf dem sich Teller stapeln von denen es keinen zweimal gibt. Das Sofa hat bessere Tage gesehen, trotzdem quetschen wir uns zu viert darauf, noch mehr sitzen auf dem Boden, reden, rauchen, trinken und reden noch viel mehr. Das ganze Haus war mal voller WGs die sich kannten. Hier wurde gemeinsam gekocht, gemeinsam gejamt, hier wurden Partys über alle Stockwerke gefeiert. Es war dreckig, es war ranzig, es war das Leben, dass hier in vollen Zügen durch die Stockwerke tobte. Aber dann entwickelte sich der Stadtteil, in den letzten Jahren von einer Schmuddelecke zum Szenevirtel. Und der Vermieter ließ sein Haus verkommen. Mitt Ratten im Keller, Tauben im Dachgeschoss und einem kaputten Badezimmerfenster. Nach und nach zogen die WGs aus.

SZENENWECHEL: Der Traum vom Bioladen

In einem Hinterhof sind Kissen auf dem Asphalt ausgebreitet. In der Mitte stehen Kerzen. Es gibt Kaffeecreme mit kandierten Wallnüssen und Likör, der letzte Gang des Nordstadtdinners, bei dem man für jeden Gang bei jemand anderem eingeladen ist. Über den Flaschenrand meines Pils komme ich mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch. Anwalt ist er, wohnt gerne hier weil es hier große Wohnungen mit Balkon für einen günstigen Preis gibt. Die Mulit-Kulti Atmosphäre stört ihn nicht. Nur manchmal vermisst er einen Bioladen in der Nähe. Das man dafür immer 20 Minuten mit dem Fahrrad braucht, ist halt schon ein bisschen umständlich…

SZENENWECHSEL: Theater oder kein Theater

Auf dem Parkstreifen vor dem türkischen Lebensmittelladen meiner Wahl ist eine Tribüne aufgebaut. Hinter einer Glasscheibe sitzt das Publikum und hört über Kopfhörer einer Soundcollage zu. Durch die Scheibe sehen sie auf den Gehsteig: Kinder wuseln dort herum. Im Café neben dem Laden sitzen Männer und trinken Tee aus kleinen Gläsern. Der Besitzer des Kiosk lehnt in der Tür und unterhält sich mit den Jungs, die auf Plastikstühlen dort sitzen. Nordstadtromantik. Dann wird es unruhig: Ein Fotoshooting, ein Pop-Up Store, ein verrückter Crepes Verkäufer – eben saß ich noch  ruhig mit meinem Bier vor dem Kiosk, jetzt bin ich mitten drin. Der Gehsteig verändert sich. Wo ist mein Platz? Ich lasse mich mitziehen, probiere die Crepes, klatsche beim Fotoschooting, lasse mir Sekt einschenken. Wo ist die Nordstadt, die ich kenne? Nur manchmal wandert mein Blick zur Tribüne, zu denen, die dort hinter Glas sitzen und dem (inszenierten?;)) Treiben auf der Straße zuschauen. Was sehen sie? (-> Fotos!)

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EPILOG

Wir verändern uns. Gesellschaft verändert sich. Stadt verändert sich. Was bleibt? Und Warum? Der hippe Club im Ramsch-Stil? Der Spielplatz im Stadtpark? Die Drogenabhängigen auf der Parkbank? Ich liebe die Nordstadt. So bunt, verrückt, vielfältig. Voller guter Ideen, Initiativen und toller Projekte. Oft denke ich: Wie schön wäre es hier, wenn die Spielpätze so wie jetzt voller Kinder wären, aber ohne die Gefahr sich an einer Drogenspritze zu verletzen. Wenn die Menschen auf den Straßen säßen, weil sie ihren Feierabend gemeinsam genießen wollen und nicht, weil sie sonst nichts zu tun haben. Wenn es mehr Miteinander gäbe und weniger Nebeneinander. Ein Bioladen wird daran nichts ändern. Wir müssen schon hinter unserer Glasscheibe hervorkommen und selbst ins Geschehen eingreifen.

Was liebst du an deiner Stadt oder deinem Viertel? Was würdest du verändern wollen? Warum und Wie?

 

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