Die letzte Mail

Ich lehne mich zurück und lasse den Blick schweifen. Die Pinnwand mir gegenüber ist mit bunten Zetteln, Karten, Flyern und To Do Listen zugehängt. Quer darüber eine Geburtstagsgirlande. Postkarten neben Visitenkarten, Plakate neben Fotoausdrucken. So viele Erinnerungen, viele erledigte und erlebte Dinge.

In diesem Büro habe ich die letzten acht Monate verbracht. Ein kleines Leben lang. Ich habe hier gelacht, geweint, getanzt und frustriert auf den Tisch gehauen. Wie oft wusste ich nicht weiter und habe Lösungen gefunden. Wie oft habe ich diese Kaffeetassen aufgefüllt. Und wie oft habe meine Gedanken über den Bildschirmrand geworfen, auf den Schreibtisch gegenüber.

Draußen sind die Bäume vor dem Fenster grün geworden, ohne dass ich es gemerkt hätte. Drinnen sind mir die Flure und Türen, die Kaffemaschiene in der Teeeküche, ist mir alles vertraut geworden.

So vieles ist hier passiert, was „einfach nur ein Job“ war. Manchmal echt scheiße. Und oft anstrengend oder überfordernd. Aber auch so vieles, was ich noch gar nicht greifen kann. Viele Menschen sind mir ans Herz gewachsen, sind mir vertraut geworden wie der Bürostuhl oder das Telefon. Vieles habe ich gelernt, ohne dass ich bisher genau wüsste was es ist.

Und dann ist Schluss. Unser Gewebe von Menschen und Beziehungen löst sich auf. Seit Wochen schon schwinden die Fäden, einer nach dem anderen. Das Tuch wird löchrig und die Büros leerer. Es zieht uns auseinander, jeden zurück in das große Leben, in dem man Dinge erledigen muss wie Freunde treffen und neue Jobs suchen oder den Versicherungsvertrag verlängern.

Manchmal kommt das Leben an einen Punkt. Wie nach einem langen Satz, den man noch gar nicht zu Ende gedacht hatte, als man anfing zu sprechen und der am Ende doch Sinn ergibt und zu einem Ende kommt. Ein Punkt hinter dem nichts mehr ist, wie es davor war. Und doch fängt ja genau hier und genau jetzt, mit diesem Punkt alles neu an.

Mein Blick fällt auf den Bildschirm vor mir. Eine letzte Mail noch. Ich drücke auf Senden. Dann schließe ich die Fenster im Bildschirm. Das Mailprogramm, die Datenbank. Herunterfahren. Ein kurzes Ziehen im Bauch, ein Kribbeln, ich möchte die Schultern hochziehen um das Gefühl abzuschütteln, aber es bleibt.

Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrzipp ziehe ich den Reisverschluss hoch. Schiebe den Stuhl ran, Licht aus, Tür zu Pipppipp macht der Transponder. Den Gang runter, die Treppe, die Tür.

Und plötzlich stehe ich auf der Straße. Und die Tür schließt sich hinter mir.

Zeit für einen neuen Anfang.

3 Kommentare zu „Die letzte Mail

  1. Wow!
    ein intensiver Artikel, für eine, wahrscheinlich intensive Zeit .Du hast in ein paar Sätzen diesen magischen Moment eingefangen, dass ich fast das Kribbeln im Bauch gespürt habe.
    Jetzt kommt wieder was neues, ich wünsche dir viel Glück für die nächsten Schritte!!
    Kathrin

    Gefällt 1 Person

    1. Nun beginnt wieder etwas Neues!
      Was hast du schon alles erlebt, geschafft mit viel Elan und ganzem Herzen. Viel Freude und Erfolg beim nächsten Schritt durchs so abwechslungsreiche Leben!

      Gefällt 1 Person

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