Nachdenken oder nicht – das ist keine Frage

Ich würde mich als einen nachdenklichen Menschen bezeichnen. Nicht umsonst hat mein Blog ja auch diesen Titel. Schon oft haben mir Menschen gesagt: „Du denkst zu viel.“ „Denk nicht so viel darüber nach.“ In solchen Momenten habe ich oft, das Gefühl unverstanden zu sein. Denn Nachdenken belastet mich nicht. Klar, auch ich kenne das Gedankenkarussel, das sich schneller und schneller dreht bist mir schlecht wird und so schwindelig, dass ich nicht mehr weiß wo oben und unten ist. Aber ich bin auch schon immer gerne Karussel gefahren.

Nicht nachzudenken ist für mich keine Option. Ich kann nicht damit aufhören. Denken ist wie atmen. Und wenn mir wirklich mal schwindelig wird, dann weil die Luft zu knapp zum atmen wird.

Früher habe ich viel darüber nachgedacht, welche Form Gedanken wohl haben. Ob wir alle in den gleichen Formen denken? Wir fassen Gedanken in Worte, aber was sind sie davor? Jeder kennt das Gefühl, etwas im Kopf zu haben, ohne die richtigen Worte zu finden. Was ist das, was wir da im Kopf haben?

Für mich sind es in erster Linie Gefühle. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass Menschen vielleicht in Farben denken oder in Musik. Vielleicht gibt es sogar Menschen, die in körperlichen Empfindungen denken, für die ein Gedanke zuerst im kleinen Zeh spürbar wird, oder im Nacken. Für mich sind es immer Gefühle. Und dabei ist es egal, ob der Gedanke sich danach um einen wissenschaftlichen Geistesblitz dreht oder ob ich beim nachspüren merke, dass ich mich verliebt habe. Zuerst ist da immer das Gefühl, in Worte gefasst wird es zum Gedanken.

Manchmal komme ich mir dabei vor wie ein Schatzsucher oder wie ein Bildhauer. Viele Gefühle treten nicht sofort offen zu tage, aber sie sind da und begleiten mich. Ich brauche regelmäßig Zeit um diesen Gedanken nachzuspüren und sie in eine Form zu bringen, die mir selbst verständlich ist. Vieles dabei ist Übung. Ein Gefühl, dass ich schon oft gespürt habe lässt sich schneller einordnen, als eines das neu ist. Schwierig sind dann vor allem die Gefühle, die nicht zu meinem Selbstbild passen. Oder die mir Angst machen, weil sie mir eine Seite von mir zeigen, die abgründig und dunkel ist. Es braucht viel Ruhe, sich diesen Gefühlen zu näheren, sie zu zähmen und die richtigen Worte zu finden. Einmal formuliert, lässt sich ein Gedanke dann ganz anders bearbeiten. Ich kann ihm Frage stellen oder ihn weiterspinnen.

Es gibt Zeiten, die sind so voll, dass dieses Nachsinnen zu kurz kommt. Und es gibt Gefühle, die so schwer zu ertragen oder so kompliziert zu denken sind, dass ich es nicht schaffe Ihnen nachzugehen. Dann stauen sich die ungedachten Gefühle wie hinter einer hohen Mauer und drohen mich zu überschwemmen sobald ich nicht mehr die Kraft habe, die Mauer aufrecht zu halten. Es kann lange dauern, bis ich so einen ganzen Stausee an Gefühlen durchschwommen habe und langsam, langsam so viel gesehen habe, dass ich anfangen kann das Schleusentor langsam, langsam zu öffnen und den Strom der Gefühle in Ruhe zu betrachten.

Wenn ich die Gefühle in Worte gefasst und halbwegs sortiert habe, kann ich sie aussprechen. Viele halten mich für einen offenen Menschen, der viel von sich erzählt. Aber Dinge auszusprechen, die ich auf diese Weise durchdacht habe finde ich nur ehrlich.

Und doch ist es mit den ausgesprochenen Gedanken so, wie mit einem Bild, dass man ausstellt oder mit einem Text, den man veröffentlicht: Er ist in der Welt und kann von anderen gesehen, betrachtet, interpretiert und beurteilt werden. Habe ich alles so verpackt, dass mein eigentliches Gefühl dahinter verständlich wird? Manchmal wir ein Gedanke besser, wenn er geteilt wird, vielfältiger, um einige Schattierungen reicher. Eine besondere Bereicherung ist es für mich, Menschen zu haben mit denen ich rohe, noch nicht klar konturierte Gedanken teilen kann. Menschen, denen ich vertraue und mit denen ich gemeinsam meine Gedanken in Form bringen kann. Menschen, die mich auch dann verstehen, wenn meine Gedanken noch ungehobelt und scharfkantig sind.

Manch ein Gedanke mündet irgendwann in einer Handlung. Eine konsistente Handlung ist durch alle diese Stufen gegangen und tief im Innern mit dem Gefühl verbunden, dass sie ausgelöst hat. Nicht zu denken, würde für mich bedeuten, nur noch emotional zu handeln. Mit Sicherheit ist es gut, sich auch von seinen Gefühlen leiten zu lassen und das Herz bei Entscheidungen nicht außen vor zu lassen. Genauso falsch wäre es für mich, meinen Kopf an einer Entscheidung nicht zu beteiligen. Erst wenn beides gesehen und gehört wurde und in einem klaren Gedanken zusammengefasst werden kann, ist eine Entscheidung da, von der ich weiß dass ich mit meiner ganzen Person dahinter stehen kann.

Zum Weiterdenken: Dieses Video von „School of Life“ beschäftigt sich mit „philosophischer Meditation“ und kommt damit meinen Gedanken in diesem Artikel ziemlich nahe.

Wie denkst du nach? Hast du bestimmte Rituale oder Mechanismen dafür gefunden? Welche Form haben deine Gedanken?

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