Lasst die Kirche im Dorf!

Es gibt diesen einen Ort, der für mich immer anders sein wird, als alle anderen. Diesen Ort, an dem ich jeden Baum kenne, jede Brücke, jede Straße. Diesen Ort, an dem ich für Jahre die gleichen Wege zurückgelegt habe: Zur Schule und zurück. Zum Chor und zurück. Zum Eis essen und zurück. Es ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Hier leben die Menschen, die mich schon mein ganzes Leben kennen.

Wenn ich heute wieder da bin, bemerke ich die Veränderungen. Eine frisch gestrichene Fassade und einen gefällten Baum. Familie und Freunde, die ich dort besuche, sagen: „Hier, das ist neu.“ „Hast du schon gesehen? Da wird ja jetzt gebaut.“ und „Weißt du noch? Da, wo wir immer klettern waren.“

Wir kannten jede Schnapsnase, jeden Kaugummiautomat

Was ich dir sag, wenn du mich fragst, wo ich so die ersten Jahre war

Querbeat, „Heimatkaff“

Dieser Ort, von dem wir ausgehen, um die Welt zu erkunden hat uns geprägt. Mit den Wegen, den Gebäuden und den Menschen verbinden wir unsere frühesten Erinnerungen. Die Wege wieder zu gehen, die Orte und Menschen wieder zusehen kann uns zurück katapultieren in eine andere Zeit. Denn unser Körper erinnert sich. Ich weiß, an welcher Stelle des Berges ich abbremsen muss um noch vor der roten Ampel stehen zu bleiben. Ich weiß mit welchem Schwung ich diese eine scharfe Kurve nehmen kann und unsere Autobahnabfahrt würde ich nur am Zusammenspiel von Bremsen und Kurven wohl unter hunderten erkennen. Ich weiß, dass ich den Kirchturm sehe, wenn ich in den Kreisverkehr hineinfahre und das neue Gebäude, das seit einigen Jahren auf dem Parkplatz in der Innenstadt steht, irritiert mich immer noch, weil die Straße nun ganz anders aussieht, wenn ich vom Bahnhof komme. Meine Hände kennen die Büsche und Wiesenblumen auf dem Weg zur Schule und ich weiß, dass ich zu Hause bin, wenn ich nachts in der Ferne den Güterzug über die Brücke rattern höre, die „Polterbrücke“, wie sie in unserer Familie genannt wird.

Für mich ist das innere Band, das mich mit diesem Ort verband, irgendwann dünner geworden, ich bin weggegangen und fühle mich jetzt auch an anderen Orten zugehörig. Und dennoch: Es ist ein Ort, an den ich immer wieder zurückkomme, den ich anderen zeigen kann, den ich wiedererleben kann. Und jahrelang bin ich von zu Hause nach zu Hause gefahren.

Ausblick vom Heimweg

Und alle grüßen als würden sie uns immer noch kennen

Erzählen von den Nachbarn, nur um Namen zu nennen

Querbeat, „Heimatkaff“

Doch es gibt nicht nur diesen Ort, den ich in meiner Erinnerung zusammenbaue. Es ist auch umgekehrt: Wenn Menschen gemeinsam daran bauen und ihre Erinnerungen hineinstecken, wenn sie gemeinsam dort leben, trauern und feiern, wenn sie die Gegebenheiten vor Ort nutzen und ihnen Bedeutung geben, dann entsteht ein besonderes Gefühl von Gemeinschaft, dass nicht nur die Menschen untereinander verbindet, sondern auch eine tiefe Verbundenheit mit dem Ort entstehen lässt.

Ein besonders prägnantes Beispiel, ist für mich Siena. Der Campo in Siena ist nicht einfach nur ein Platz an dem Rathaus und Stadtkirche stehen, wie es sich für eine mittelalterliche Stadt in Europa nun einmal gehört. Es ist ein Platz der bis heute lebendig ist, ein Platz auf dem die Jahrhunderte alte Tradition des Pferderennens (Palio) bis heute stattfindet, einmal im Halbrund über die enge Passage am oberen Ende. Bei diesem Rennen treten die verschiedenen Stadtbezirke gegeneinander an. Bis heute wird in diesen Nachbarschaften, die gegenseitige Unterstützung hochgehalten, die Tiere, nach denen die Contrade benannt sind, finden sich an vielen Häusern im Viertel. Die Tradition hat den Ort geformt – und der Ort die Tradition ermöglicht. Es ist ein besonders Gefühl, dort auf dem Campo zu stehen und zu erleben, wie Architektur, sozialer Zusammenhalt und kulturelle Tradition seit Jahrhunderten in einem festen Gefüge bestehen. Mein Schluss aus diesem Erlebnis: Es gibt ein Netz aus kulturellen Handlungen das uns trägt und uns ein Gefühl von Zugehörigkeit vermittelt. Gemeinsames Handeln verbindet uns mit der Gemeinschaft – und mit der Umgebung, der Architektur, die auf genau dieses Handeln abgestimmt ist.

Die Graffitis verblassen, kriegen ihren Farbton nie wieder

Perfekte Vorgärten kämpfen um den Sieger aller Spießer

Querbeat, „Heimatkaff“

In alten Dörfern ist das bis heute so. Dörfer, die um eine Kirche und einen Marktplatz herum gewachsen sind, in denen Fronleinahmsprozessionen und Schützenfestumzüge seit Jahrhunderten feste Wege kennen. Dörfer, in denen Höfe, von Generation zu Generation weiter gegeben werden. Ein solcher Ort ist zum Beispiel Keyenberg, Stadteil der Stadt Erkelenz, erstmalig urkundlich erwähnt im Jahr 893. Ab 1381 dann Keyenberch genannt – wir sind am Niederrhein. Keyenberg ist ein gewachsenes Dorf, mit Schule und Kindergarten. Eine kleine Kirche, die unter Denkmalschutz steht. Und einem Schützenverein, dessen Tradition 570 Jahre zurückreicht. Doch wer aus Keyenberg kommt und nun ab und zu zurückfährt, der wird mit Freunden und Familie nicht über die neuen Vorgärten der Nachbarn sprechen oder über den neuen Anstrich der Schule. In Keyenberg spricht man über das Baggerloch, des RWE Tagebaus Garzweiler, das immer größer wird. Mehr als zehn Nachbardörfer sind schon darin verschwunden.

Wo früher ein Dorf war, mit Kirche und Marktplatz, ist nun eine Baggergrube. Wo Höfe seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben wurden, ist nun eine Baggergrube. Wo der Schützenverein und die Fronleichnahmsprozession feste Wege kannten, ist jetzt eine Baggergrube.

Wie fühlt es sich an, wenn ein Dorf langsam stirbt? Wenn immer mehr und mehr Häuser leer stehen, Briefkasten zugeklebt, Rollladen runter, weil die Bewohner schon an RWE verkauft haben und ins neue Dorf gezogen sind, ein paar Kilometer weiter. Wenn die Straßen immer leerer werden, weil die Nachbarn fehlen? Und was macht es mit einer Gemeinschaft so auseinander gerissen zu werden? Die einen hier, die anderen dort, die nächsten ziehen ganz weg, weil sie es nicht aushalten. Wie fühlt es sich an, ein Haus zu verlieren, an dem man jeden Stein kennt, weil man selbst mit gebaut hat? Noch kann man in der Kirche von Keyenberg heiraten. Aber in drei Jahren gibt es den Ort nicht mehr, an dem die Fotos von diesem Tag entstanden. Wie fühlt es sich an, mit dem Geräusch des Braunkohlebaggers aufzuwachsen und zu wissen, er bedroht alles was ich mein zu Hause nenne: Die Wiesenblumen, die Kirche, die Häuser und Wege, die Gemeinschaft.

Ich glaube, es zieht dir den Boden unter den Füßen weg.

Bildquellen: Oben rechts: Abriss und Planierung von Otzenrath, Bodoklecksel (über Wikipedia)
unten: Tagebau Garzweiler 2005, Raimond Spekking (über Wikipedia)

Lass die Kirche im Dorf!

Für dich ist es ein unbekannter Ort

Zwischen Acker und Stadt

Liegt mein Heimatkaff, mein Heimatkaff

Querbeat, „Heimatkaff“

Doch worauf steht man dann? Was passiert mit kulturellen Wurzeln? Wenn in Syrien Tempel mutwillig zerstört werden schreit die Presse auf. Zurecht! Die Zerstörung von kulturellem Erbe bei bewaffneten Konflikten ist ein Verbrechen und gegen internationale Konventionen. Dabei wird dies in der Haager Konvention von 1948 unter anderem mit dem didaktischen Wert von Kulturgütern begründet. Im Zusammenhang mit dem Braunkohletagebau gibt es hier keine juristische Grundlage. Im Gegenteil: Der Bundesgerichtshof in Karlruhe sah 2013 das Gemeinwohl über dem Recht auf Heimat.

Man kann einen Jahrhunderte alten Hof schätzen lassen und sich von dem monetären Gegenwert einen neuen Hof bauen. Man kann die Gebeine der Toten auf einen neuen Friedhof umbetten lassen. Aber mit welchem Gegenwert will man die Geschichte bezahlen, die Zugehörigkeit, die Verbundenheit mit einem Ort? Denn weggebaggert wird ja nicht nur ein Ort. Weggebaggert wird die Tradition, die Verortung von persönlichen und gemeinschaftlichen Erlebnissen und Handlungen. „Alle Stationen meines Lebens, gibt es dann nicht mehr.“ sagt einer der Interviewpartner in dieser kurzen Doku. Das Krankenhaus, in dem er geboren wurde, der Kindergarten, das Elternhaus, selbst der Friedhof auf dem die Eltern und Großeltern liegen.

Als ich einmal eine Schulklasse durch einen mittelalterlichen Domschatz führte, kam bei all dem Gold schnell die Frage auf: „Und was ist das wert?“ Meine Antwort auf diese Frage: „Was ihr hier sehr, ist unbezahlbar! Wenn das hier einmal kaputt geht, dann ist es weg und kann nie wieder neu gekauft werden. Es ist einzigartig und sehr alt und gerade deshalb so wichtig, denn wir können daran zum Beispiel lernen, wie im Mittelalter Handwerker gearbeitet haben. Heute kann das niemand mehr so herstellen! Deshalb müssen wir alle besonders gut darauf aufpassen.“ Ja, Erbe birgt Verantwortung. Und kulturelles Erbe verlangt gesellschaftliche Verantwortung. Verantwortung, für die Vergangenheit auf der wir eine Zukunft aufbauen können. Denn Luftschlösser ohne festen Grund sind so eine verdammt zugige Angelegenheit.

Dieses Jahr fand in Keyenberg das letzte Schützenfest statt. Ein letztes Mal zogen die Prozession durch die Wege im Dorf, die seit Jahrhunderten bestehen. Weil die Tradition hat den Ort geformt – und der Ort die Tradition ermöglicht hat. Am Ende der Straße, die früher ins nächste Dorf führte, ragte ein Braunkohle Bagger auf. Bis 2023 wird das Dorf geräumt und umgesiedelt, die Kirche abgerissen. Und RWE wird weiter Braunkohle fördern und damit den Zusammenhang von Architektur, sozialen Verbindungen und kulturellem Erbe unwiderruflich zerstören.

Die Zitate in diesem Text stammen aus dem Song „Heimatkaff“ von Querbeat.

Wo fühlst du dich verbunden und verortet? Gibt es Traditionen, die mit diesem Ort verbunden sind?

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