Vom Wünschen

Als Kind hatte ich die krude Vorstellung, dass meine Wünsche nur dann wahrwerden, wenn ich sie mir gerade nicht wünsche. Seltsame Kinderlogik. Ich verbrachte Abende vor dem einschlafen mit Nicht-wüschen – also möglichst aktiv zu vergessen, was ich mir eigentlich wünschte und eine neutrale Haltung dazu anzunehmen. Leider weiß ich nicht mehr, wie gut das so funktioniert hat 😀

Natürlich habe ich an Weihnachten dann trotzdem einen Wunschzettel geschrieben, an das Christkind adressiert, liebevoll und hoffnungsvoll bemalt und gestaltet und abends vor dem Einschlafen auf die Fensterbank gelegt. Und klar, ich fand es dann auch toll, wenn an Heiligabend wirklich das Gewünschte unter dem Baum lag! Aber diese Momente haben mich auch immer ein wenig überfordert. Die Spannung, was unter dem Geschenkpapier denn nun wirklich ist, die Flut an Gefühlen, die erstmal sortiert werden musste: Angst, dass es doch etwas anderes sein könnte, Hoffnung, auf das Begehrte, Anspannung, diese Ungewissheit auszuhalten und auch die Sorge darüber am Ende mit einer nachvollziehbaren Reaktion den Erwartungen von außen zu begegnen: „Und? Freust du Dich?“ Erwachsene können manchmal ganz schön bescheuerte Fragen stellen…

Bis heute habe ich so meine Probleme mit dem Wünschen, denn immer wieder habe ich erfahren, wie hilflos sie mich machen. Wünsche können mich so in Ihren Bann nehmen, dass eigentlich mehr von einer Sehnsucht zu sprechen ist. Und Süchte sind ja nie so das wahre. Wirklich ganz frei zu wünschen, ohne an die Erfüllung zu viele Hoffnungen zu binden – ich weiß nicht ob ich das wirklich kann. Denn ist ein hoffnungsloser Wunsch, nicht einer den man besser loslässt? Ist das sehnsüchtige Klammern an einen Wunsch nicht am Ende doch auch mit Enttäuschungen verbunden?

Es gibt Dinge, die ich gerne tun oder erreichen würde. Und ich nehme sie als Herausforderung an, solange sie zu meinem Leben und meinen Vorstellungen passen. Ich gehe den Weg, den sie mir weisen und überlege an jeder Abbiegung neu. Es ist ein langsames gehen. Aber es lässt mich bewusste Entscheidungen treffen, die für den Moment zählen und lässt mich meine Ziele erreichen, anstatt irrationalen Wunschvorstellungen hinter her zu laufen.

Es gibt auch Dinge, materielle Dinge, die ich gerne in meinem Leben hätte. Wenn so ein Wünsch entsteht beobachte ich mich selber. Brauche ich das wirklich? Welches Bedürfnis soll dieser Gegenstand befriedigen? Sehr oft, verschwindet der Wunsch dann irgendwann. Und wenn er bleibt, und Notwendigkeit zeigt, dann besorge ich den Gegenstand einfach und ohne großen Gefühlsaufwand.

Es gibt auch Dinge, die ich gerne verändern würde, aber es liegt nicht in meiner Macht in dieser Sache zu handeln. Diese Wünsche sind manchmal schwer auszuhalten, sie lassen mich noch heute fühlen, dass ich manchmal machtlos bin. Wenn ich es schaffe, hinter dieses erdrückende Gefühl von Handlungsunfähigkeit zu steigen, dann kann ich mir manchmal wirklich einfach ganz fest wünschen, dass sich hier etwas ändert. Ganz einfach, ohne dass die Erfüllung eine besondere Bedeutung hätte. Ich bin dann in Gedanken, ganz bei diesem Wunsch, aber ob er jemals in Erfüllung geht, ist plötzlich nicht mehr so wichtig.

Es sind diese Wünsche, über deren Erfüllung ich mich ganz, wahrhaftig und ehrlich freuen kann. Von innen heraus. Mal laut. Mal leise. Mal still. Vielleicht ist es das, was ich schon als Kind wusste: Wenn die Erfüllung des Wunsches unwichtig wird, dann hat er keine Macht mehr über mich. Dann ist die Erfüllung einfach.

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