Das Mädchen und die Flamme

Bild: Kathrin Bräker
Text: Samira


Es war einmal in einem kleinen Dorf, als die Welt noch nicht so groß war, ein Mädchen namens Nikita. Die Menschen in diesem Dorf waren graue, traurige Gestalten. Keiner lächelte und nicht einer von ihnen sagte ein liebes Wort. Als Nikita auf die Welt kam, waren die Menschen verwirrt, denn ihre Augen funkelten und sie lachte laut. So etwas hatte man noch nie gesehen! Die Eltern wussten nichts mit ihr anzufangen, sie war voller Lachen und Freude.

Man könnte meinen, dass irgendwann das Grau auf Nikita abfärben würde, doch sie behielt ihr Lachen und ihre Freude. Als sie eine junge Frau war, wollte sie wissen was außerhalb ihres kleinen Dorfes lag. Ihre Eltern sagten ihr nüchtern: „Da ist nichts Nikita … Jetzt hör auf so aufgedreht zu sein!“ Aber Nikita wollte ihnen nicht glauben. Irgendetwas musste außerhalb ihres Dorfes liegen. Irgendetwas lag verborgen hinter den immer grauen Nebelwänden ihres Dorfes. Also ergriff Nikita ihr Bündel, füllte es mit den grauen Rinden, die in ihrem Dorf alle aßen und zog leichten Fußes los.

Sie ging nach Westen und dann nach Süden, bis ihre Füße sie nicht mehr tragen konnten. Dann setzte sie sich auf den vom Nebel feuchten Boden. Sie dachte bei sich: „Hat das überhaupt einen Sinn? Ich bin schon einen Tag gewandert, doch alles, was ich sehe, ist grau…“ Mit diesem Gedanken schlief sie ein und merkte nicht, wie ihre Füße langsam grau und kalt wurden. Am nächsten Morgen erblickte sie, als sie erwachte, nur den dichten Nebel vor sich. Nikita stand auf, seufzte und wanderte mit schweren Füßen weiter.

Sie ging nach links und dann nach rechts, bis ihre Füße sie nicht mehr tragen konnten. Dann erst setzte sie sich auf einen kleinen, klammen Baumstamm. „Ich glaube meine Eltern hatten recht, hier gibt es wirklich nichts…“ Erneut schlief sie ein und das Grau wanderte nun auch in ihre Arme.

Am nächsten Morgen wollte sie nicht weiter wandern. Ihre Beine waren schwer und ihre Arme fühlten sich an, als ob zehn Zentner Mehl auf ihnen über Nacht gestanden hätten. „Also zurück nach Hause…“ Der Funken in ihren Augen erlosch und sie schlurfte durch den dichten Nebel. Doch welchen Weg war sie gekommen? Plötzlich riss ein Geräusch sie aus ihren grauen Gedanken. Ein sachtes Knistern drang an ihr Ohr. Sie folgte dem Geräusch. Ging auf und ab bis sie es endlich fand. Es glimmte und flüsterte: „Hilf mir, ich bin fast erloschen!“ Nikita ging näher an das Glimmen heran. „Was bist du“, fragte sie. „Ich? Ich bin die Hoffnung!“ „Hoffnung?“, fragte Nikita. „Ja, ich bringe den Menschen ein Licht in der Dunkelheit.“ Nikitas Augen fingen wieder zu funkeln an. „Wie kann ich dir denn helfen?“, in ihrer Stimme konnte man die Anwesenheit der Hoffnung hören. „Ich brauche etwas zum Entflammen!“ Also lief Nikita los und sie brachte Holz, Stroh, Laub, Gras, alles was irgendwie brennbar aussah. Aber nichts half der Flamme der Hoffnung, denn alles war vom Nebel feucht. Nikita versuchte sogar die Flamme mit ihren Kleidern zu locken, doch auch die Kleidung war zu feucht. Langsam wanderte das Grau und in ihrer Verzweiflung fing Nikita an zu weinen, so wie sie noch nie zuvor geweint hatte.

Doch dann sah sie wie die Flamme größer wurde und heller. Sie rieb sich fassungslos die Augen, als sie sah, dass die Flamme es sich in ihrem Rucksack bequem machte. Die Rinden, natürlich! Nikita sprang auf, lachte und tanzte um die Flamme herum, diese wurden dadurch immer größer. Sie spürte die Wärme der Flamme, doch sie verbrannte sie nicht. Auch den Rucksack verbrannte sie nicht. Nikita nahm also den Rucksack und lief so schnell sie konnte voller Hoffnung nach Hause.

Als sie in ihrem Dorf ankam, hatte sie das Gefühl, dass es seitdem sie weggegangen war noch viel düsterer geworden sei. Doch Nikita lies sich nicht entmutigen, sie trug Hoffnung! Sie sammelte so viel Rinde wie sie finden konnte und setzte dann die Hoffnung in die Mitte des Marktplatzes.

Schleppend kamen die Bewohner ihres Dorfes und setzten sich an das Feuer und wärmten sich. Viele nahmen auch etwas von der Flamme der Hoffnung in ihr Heim und wärmten sich an ihren Kaminen an ihr. So eine wohlige Wärme hatten sie noch nie gespürt. Und ganz langsam wurden zuerst die Menschen in ihrem Dorf bunt und mit jedem weiteren Feuer wich der Nebel.

Die Menschen hatten Hoffnung und das Licht der Hoffnung brachte weitere wunderschöne Dinge zum Vorschein: Vertrauen, Liebe und Mut, um nur wenige zu nennen.

Durch ihre neuen Errungenschaften zogen sie in die weite Welt und gründeten Dorf um Dorf, bis die Welt, wie wir sie heute kennen, entstand.

Also wenn du dich hoffnungslos fühlst, entzünde ein Feuer, ein Teelicht sollte auch ausreichen und erinnere dich daran, dass Hoffnung der Anfang aller Dinge ist.


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