Meine Flucht in den Reisekatalog

Bild: Markus K.
Text: Lisa


Weit weg, am besten ganz weit weg, ich will ganz weit weg von hier. Ich will ganz weit weg von mir.

Gespannt beobachte ich die extensionsbehangene Reisevermittlerin dabei, wie ihre XXL French Nails meine Anforderungen für die bevorstehende Reise in den PC hämmern und bin erstaunt darüber, dass ihre Augen durch die Schwere des künstlichen Wimpernkranzes ein Ergebnis in Empfang nehmen können. Nach wenigen Augenblicken verkündigt sie: „Dies ist die Reise, die Sie wollen müssen.“

Thailand! Ok! Gebucht!

Die nächsten Wochen verlaufen reibungslos. Ich setze jeden Tag ein Häkchen. So schreibt es mir meine To-Do-Liste vor: Visum beantragt, Impfungen aufgefrischt, Reiserucksack geliehen, Sommerkleiden zusammengesucht, Sohle meiner Turnschuhe geklebt, Reisemedikamente eingekauft, Zweithandy zum Leben erweckt.

Jetzt bin ich hier und erlebe. Neue Eindrücke, Ausdrücke, Klänge, Gerüche, Farben und Lichter. In jedem besichtigten Ort kaufe ich Souvenirs und setze so als Beweis, dass ich hier bin, kleine Stecknadeln in meine mentale Landkarte. Mein Beweis, dass ich hier bin. Jeden Abend betrachte ich die Fotos der vergangenen Tage und wähle die eindrucksvollsten Ausschnitte meiner Reise aus, um sie an möglichst viele Freunden aus der Heimat zu schicken. Es liegt nur noch ein Reiseziel vor mir. Sehnsuchtsvoll denke ich an den nächsten Tag und den malerischen Strand, den ich besuchen werde. Die Reisevermittlerin versprach einen Strand, wie aus dem Katalog. Ich sollte weißen Sand, malerische Palmen und türkisblaues Wasser zu Gesicht bekommen. Sie sollte Recht behalten. Verwundert darüber der einzige Mensch an diesem augenscheinlich unberührten Fleck Erde zu sein, lasse ich mich erschöpft in den weißen Sand fallen. Mein schwerer Rücken findet Halt an der versprochenen Palme. Die Biegung des Baumstammes passt sich perfekt den Bedürfnissen meiner Wirbelsäule an. Die Sonne findet meine Beine und Arme, mein Gesicht entspannt sich unter dem Schutz eines Palmenwedels. Mein Blick schweift umher und versucht alles einzufangen, alles mitzunehmen, alles an mich zu nehmen. Hier liegt es sicherlich begraben, das letzte Puzzlestück. Schon sehr bald werde ich es in den Händen halten und die schmerzlich erwartende Lücke schließen können und dann wird alles ganz klar und deutlich vor mir liegen. Ich werde es sehen können. Es wird mir einleuchten. Ich werde die letzte Stecknadel setzen können. Hier wird sie endlich stattfinden, die Ankunft zu mir selbst.

Zwei Tage später betrete ich erwartungsvoll meine Wohnung, reiße die Vorhänge zurück, die Fenster auf und versuche meine drei Zimmerpflanzen mittels Waterboarding aus dem Reich der Toten zurück zu holen.

Das letzte Puzzlestück bleibt noch unentdeckt. Ich bin noch nicht angekommen. Ich will nicht ganz weit weg von mir. Jetzt bin ich hier und lebe.


Lisa

Ich heiße Lisa, ich bin 27 Jahre alt und lebe in Essen (Mitten im Ruhrgebiet). Ich arbeite als Sozialarbeiterin in einer Psychiatrie und studiere seit zwei Jahren parallel zum Beruf Kunsttherapie. Kreativität bedeutet für mich Konfrontation und Loslassen lernen.