Memories

Bild: Said Huseinov
Text: Jana Hecktor


Die Sonne schickte bereits erste Strahlen über die Grenze des Horizonts hinweg und in den Tälern lösten sich die letzten Nebelschwaden langsam auf als Nathan aus der Eingangstür trat und mit einem entspannten Lächeln auf den Lippen einen tiefen Atemzug nahm. Noch war die Luft kühl – das würde sich allerdings spätestens in der nächsten halben Stunde ändern.

Mit wenigen Schritten lief er zu dem kleinen Schuppen, schnappte sich die dort lehnende Axt und machte sich auf den Weg zu den nur einige Minuten Fußweg entfernten Feldern. Vom Vortag lagen dort noch einige Stapel Holz, die bearbeitet werden mussten. Und wenn er schon einmal dort war, konnte er sich auch direkt um die Alpakas kümmern.

Die Tiere gehörten zu den neusten Anschaffungen, die sein Vater sich dieses Jahr gegönnt hatte und hatten sich glücklicherweise schnell eingelebt. Als Nathan am Rande der Weide ankam, standen sie noch dicht gedrängt beieinander, blickten aber bereits in seine Richtung. Er rief ihnen einen kurzen Gruß zu und ihre Ohren zuckten neugierig. Da er ihnen aber nichts zu Essen zu bringen schien, beließen sie es dabei ab und an zu ihm herüber zu starren, sich ansonsten jedoch dem Gras zu ihren Füßen zu widmen.

Es dauerte länger als gedacht die restlichen Holzscheite zu kamingroßen Stücken zu zerschlagen und so stand die Sonne bereits strahlend hell am Himmel als er endlich die Axt sinken ließ und sich neben den fertigen Holzstapel an den Zaun lehnte. Er kramte die Flasche Wasser aus seiner Tasche und trank einen großen Schluck, ehe er sich ohne groß zu überlegen etwas über den Kopf kippte. Das kühle Nass tat gut und er schloß für einen Moment die Augen, genoss die Sonne.

Anschließend drehte er sich zu den Alpakas um, die inzwischen etwas verteilt standen. Einige lagen faul in der Sonne, andere hatten sich in einer kleinen Gruppe im Schatten unter den Bäumen eingefunden. Nathan gab sich noch ein paar Minuten in denen er ihnen zusah, dann stieß er sich vom Zaun ab, begann frisches Wasser in den Trog zu füllen und schnappte sich anschließend einen kleinen Eimer Kraftfutter um nach Hilde und Frieda zu suchen. Die beiden schwangeren Alpaka-Damen hatten sich ein bisschen Zusatzfutter verdient.

Währenddessen ließ Nathan seinen Blick prüfend auch über die anderen Tiere schweifen und suchte nach Auffälligkeiten, fand aber zum Glück nur genüßlich kauende und zufriedene Tiere.

Gerade als er den Eimer mit Kraftfutter wieder zurück gestellt hatte, hörte er die Motorengeräusche und nur kurze Zeit später erkannte er in einiger Entfernung ein kleines rotes Auto näher kommen. Mit geringer werdender Distanz wurde das Fahrzeug langsamer und kam schließlich neben der Koppel zum stehen.

Interessiert beobachtete Nathan wie eine junge Frau, vielleicht Anfang 20, ausstieg und mit einem breiten Lächeln an den Zaun trat.

Sie ließ ihren Blick über die Alpakas streifen und schien nicht zu bemerken, dass noch jemand hier draußen war. Hilde, die am nächsten stand, beobachtete ihrerseits den Neuankömmling mit aufgerichteten Ohren und näherte sich schließlich. Als Antwort streckte die junge Frau ihre Hand über den Zaun, wohl um das Tier die letzten Meter näher zu locken.

„Alpakas solltest du idealerweise am Hals streicheln!“

Die junge Frau zuckte erschrocken zusammen und fuhr zu ihm herum. Mit großen Augen starrte sie ihn an. Nathan war näher getreten, offensichtlich so leise, dass sein Gegenüber dies nicht bemerkt hatte.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken“, murmelte er.

Sie lachte leise. „Das ist dir gründlich misslungen.“

Hilde, die ja gerade eben noch Kraftfutter bekommen hatte, war neugierig zum Zaun gekommen und stupste die junge Frau nun auffordernd von hinten an. Erneut zuckte diese zusammen, begann dann aber zu Lachen und streckte die Hand aus. „Wie war das, am Hals?“, fragte sie kurz zögernd und als Nathan ihren Blick auffing und nickte begann sie Hilde zu streicheln.

Ihre braunen Augen leuchteten während sie dem Alpaka ein paar Worte zu murmelte.

„Seit wann stehen hier denn Alpakas?“, wollte sie schließlich wissen und schien entschieden zu haben, dass jemand, der wusste wo man Alpakas am Besten streichen durfte auch noch mehr Informationen haben musste.