Memories

„Seit etwa einem halben Jahr. Sie stammen aus Wichingen. Der Bauer dort musste seinen Hof dicht machen und da hat mein Dad sie gekauft und hergebracht.“, erklärte Nathan mit einem Schulterzucken – in Gedanken bei dem Tag, an dem er, sein Bruder, die beiden festangestellten Arbeiter Paul und Bob sowie sein Vater in den Nachbarort gefahren waren um die 14 Alpakas einzusammeln.

Die Erinnerung hatte ihn für einen Moment abgelenkt und so war ihm nicht aufgefallen, dass die junge Frau ihn neugierig ansah. Als er ihren Blick bemerkte meinte er für eine Sekunde mehr als die offensichtliche Neugier erkennen zu können.

„Ich bin übrigens Nathan“, stellte er sich schließlich vor und grinste schief. „Wie du dir vielleicht jetzt schon denken kannst gehört meinem Vater der Bauernhof da vorne.“ Er zeigte in Richtung Haupthaus.

Sie erwiderte das Lächeln. „Ich bin Cara.“

Einen Moment standen sie schweigend beieinander. Cara vertieft in das Streicheln von Hilde und Nathan, der sie dabei beobachtete.

„Das ist übrigens Hilde“, stellte Nathan die Alpaka-Dame schließlich vor. „Sie ist schwanger und darf daher ab und an etwas Kraftfutter bekommen. Ich habe sie leider gerade erst gefüttert, sonst hätte ich dir das angeboten. Du scheinst Alpakas ja sehr zu mögen.“

Nathan stoppte sich, bevor er weiter sprechen konnte. In seinem Kopf hatten sich schon die nächsten Sätze geformt, die er nun aber wieder verscheuchte. Vielleicht interessierte Cara das ja gar nicht.

Doch zu seiner Erleichterung nickte sie. „Das habe ich mir schon fast gedacht, sie ist ja doch deutlich molliger als die meisten anderen. Vielleicht abgesehen von dem da“, sie zeigte auf Frieda und Nathan lachte. „Naja, das liegt wahrscheinlich daran dass Frieda auch schwanger ist.“, erklärte er mit einem Augenzwinkern. „Aber erst im siebten Monat, währen Hilde hier vielleicht nächsten Monat schon ihr Baby bekommen könnte.“

Caras Gesicht erstrahlte. „Oh, direkt zwei Baby Alpakas. Ich glaube ich muss doch noch mal wieder kommen.“ Da Hilde wohl genug hatte und nicht mehr mit weiteren Naschrkam rechnete trat sie zurück um zu den anderen zu laufen, doch Cara hatte sich ohnehin inzwischen voll auf Nathan konzentriert. „Werden die Babys dann auch hier draußen auf der Weide sein? Und darf man sie besuchen kommen?“

„Zu Beginn werden sie wohl erst einmal oben bei uns im Stall bleiben, aber so ab Ende Juli dürften Mutter und Kind wieder hier auf der Weide sein.

Cara schien bei den nächsten Worten mehr zu sich selbst zu sprechen. „Dann muss ich Tante Ida spätestens im August wieder besuchen fahren.“

Als hätte sie erneut jemand erschreckt, zuckte sie zusammen und sah auf ihre Armbanduhr. „Mist, schon 12.“ fluchte sie und lief zu ihrem Auto zurück. Bevor sie einstieg lächelte sie Nathan noch einmal an. „War nett dich kennen gelernt zu haben. Vielleicht sieht man sich ja noch mal hier bei den Alpakas?“ Dann stieg sie ein ohne auf eine Antwort von ihm zu warten und fuhr davon.

Nathan sah ihr nach bis das Auto um die Kurve gefahren und damit aus seinem Blickfeld verschwunden war. Erst dann wurde ihm klar, dass er am liebsten nach ihrer Nummer gefragt hätte. Zu spät.


„Grüß deine Eltern und fahr vorsichtig!“ Mit einem letzten Lächeln schloss seine Tante die Tür und Nathan trug den Stapel Kartons vorsichtig Richtung Auto. Er hatte die Lieferung für seinen Vater mit einem Besuch bei Onkel und Tante verbunden, die ihm auch sogleich eine Unmenge an neuen Strickmustern sowie Wolle für seine Mutter mitgegeben hatte. „Für die Abende vor dem Kamin“ hatte sie gesagt und ihm anschließend voller Stolz ihre bisherigen Kunstwerke gezeigt.

Als er schließlich am Steuer saß und das Navi einstellte, merkte er die Folgen der kurzen Nacht und musste ein Gähnen unterdrücken. Bei seiner Tante hatte es nie Kaffee sondern immer nur Tee gegeben und eigentlich bezweifelte er auch, dass ein Kaffee ihn so wach machen würde, wie er sich das wünschte. Dafür hatte er sich an den stetigen Koffeinpegel schon zu sehr gewöhnt.