Memories

In leichten Smalltalk vertieft wandten sie sich von der Straße ab und folgten einem schmalen Trampelpfad durch die Bäume. Cara erzählte ein bisschen von ihrem Studium und Nathan berichtete von den neusten Ereignisse auf dem Hof. Nach etwa zehn Minuten hatten sie schließlich ihr Ziel erreicht.

Vor ihnen öffnete sich der Pfad zu einen von Bäumen umschlossenen See sowie einer kleinen Grünfläche. Und obwohl hier die Abendsonne schon nicht mehr über den Wipfeln zu sehen war, war es noch hell genug um zu sehen, dass mitten auf der Wiese bereits einige Dinge bereit standen.

Cara war mit großen Augen am Anfang der Lichtung stehen geblieben und hatte eine Hand vor den Mund geschlagen. „Das ist ja schön“, hauchte sie leise und Nathan freute sich, dass es ihr gefiel. „Dabei hast du noch gar nicht alles gesehen“, verkündete er stolz und griff nach ihrer Hand um sie mit zu ziehen. Als sie sich berührten fiel ihm erst auf, dass er einfach so nach ihr gegriffen hatte, doch sie ließ ihre Finger schon zwischen seine gleiten und sich führen.

Nathan spürte eine innere Wärme in ihm aufsteigen, als er stolz präsentierte, was er vorhin bereits vorbereitet hatte. Auf der Picknickdecke lag ein kleiner Korb mit Früchten, Baguette und Käse, daneben eine Flasche Rotwein. Während ihrer zweiwöchigen Kommunikation via Handy hatte er bereits erfahren, wie sehr sie Wein und Käse liebte und daher wusste er, dass er damit auf jeden Fall ins schwarze getroffen hatte.

„Dieser Ort ist echt toll“, wiederholte Cara und ließ ihren Blick zum See schweifen. „Und so ruhig.“

Nathan nickte und dachte bei sich, dass die Abgeschiedenheit definitiv den Zauber verstärkte. Der See und diese Lichtung waren seit seiner Kindheit sein Zufluchtsort gewesen und er verband mit ihm viele schöne, sowie auch einige schmerzhafte Erinnerung. Als Caras einzige Bedingung für ihr erstes Date gewesen war, dass sie mehr über ihn erfahren wollte, hatte er nicht lange nachdenken müssen.

Aber noch waren sie nicht an dem Punkt, dass er ihr von all den Erinnerungen erzählte. Erst einmal würden sie was essen und den Wein trinken. Sie setzten sich, ohne dass Nathan dabei ihre Hand los ließ. Als er schließlich die Flasche Wein öffnen wollte löste er sich etwas widerwillig, doch Cara lehnte sich bereits leicht an ihn, als er den Korkenzieher ansetzte und schon fühlte er wieder diese Verbundenheit.

Mit einer Hand fuhr sie durch das dichte Gras. Als er ihr das Glas Wein gab richtete sie sich wieder etwas auf und setzte sich so hin, dass sie ihn genau betrachten konnte. Mit einem langen Blick in seine Augen neigte sie das Glas in seine Richtung und sagte. „Danke. Hierfür.“ Dann nahm sie einen ersten Schluck und lächelte verträumt.

Er legte Käse, Obst und Baguette zwischen sie und während sie aßen entwickelte sich ein entspanntes Gespräch. Nathan hatte das angenehme Schweigen mit einer kurzen Anekdote darüber gebrochen, wie er mit fünf Jahren zum ersten mal den Weg her gefunden und dabei die Zeit dermaßen vergessen hatte, dass seine Mutter vollkommen aufgelöst gewesen war, als er nach Stunden wieder zurück gekehrt war. Daraufhin hatte Cara von einem ähnlichen Erlebnis berichtet, bei dem sie mit ihre besten Freundin in dem nahegelegenen Wald vollkommen die Orientierung verloren hatte und am Ende einen Steinbruch hoch geklettert waren, in der Hoffnung dort heraus zu kommen.

Mit diesem Eisbrecher begannen sie sich über Erfahrungen aus der Kindheit, die Familie bis hin zu aktuellen Herausforderungen über alles und nichts zu unterhalten. Und als es langsam dunkler wurde entzündete Nathan die mitgebrachten Fackeln und bot Cara die ebenfalls bereit gelegte Decke an, die diese schließlich um sie beide legte.

Als sie schließlich wieder an ihrem Auto standen verabschiedete sich Cara mit einem langen Kuss von ihm. Und mit den Worten „Nächstes mal suche ich den Ort aus, aber du bringst diesen Wein mit. Es ist eine Schande dass ich nur ein Glas trinken durfte.“

Alles was Nathan hörte war „Nächstes mal“ und mit einem breiten Grinsen sah er zum zweiten Mal dem roten Auto hinterher, bis es nicht mehr zu sehen war.


Der Wind peitschte den Regen gegen die Fenster und aus der ferne grollte Donner zu ihnen herüber. Cara saß auf der Fensterbank und starrte nach draußen in den grauen Himmel.

Ein wehmütiger Ausdruck lag in ihrem Gesicht.

Nathan stellte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf den Scheitel. „Du wärst jetzt gerne bei Wind und Sonnenschein am Strand, hm?“, fragte er leise. Sie nickte.

„Wie wärs denn wenn ich uns stattdessen den Kamin anmache und wir uns auf das Sofa kuscheln? Ich könnte dir weiter vorlesen?“ Sie zögerte nur kurz, dann nickte sie und löste sich mit einem kurzen Seufzer vom Fenster.