Schmetterling in weißen Turnschuhen

Bild: Anastasia
Text: Markus K.


Keuchend wischte sich Anna mit dem Handtuch den Schweiß aus dem Necken und dem geröteten Gesicht. Dann nahm sie einen Schluck aus ihrer Trink-Flasche, die sie mit Leitungswasser, 3 Scheiben Zitrone und etwas Minze befüllt hatte, und wischte Griffe und Bedienfeld des Laufbandes mit den desinfizierenden Tüchern ab, die das Studio zu diesem Zweck bereitstellte. Sie war zufrieden mit ihrer Leistung. Und das war das wichtigste, denn letztlich hatte sie ja überhaupt nur wegen der Endorphine vor zwei Monaten mit dem Laufen begonnen.

Nach dem Jobwechsel, und vor Allem dem damit verbundenen Umzug, hatte sie ziemlich viel Zeit alleine zuhause verbracht, was ihr verständlicher Weise allmählich aufs Gemüt zu schlagen begann. Und da sie einfach zu schüchtern war um selbst neue Kontakte zu knüpfen hatte sie entschlossen, zunächst einmal die Symptome zu bekämpfen, wie sie gerade feststellte mit Erfolg.

Heiter machte sie sich auf den Weg zur Umkleide, musste jedoch, kurz bevor sie diese erreichte, genervt umdrehen. Sie hatte ihre Tasche liegen lassen, in der sich die Schlüsselkarte befand welche sie benötigte um Zutritt zur Umkleide und zu ihrem Spind zu erhalten.

Als sie um die Ecke bog, auf den Flur der zu dem Raum mit den Laufbändern führte, verlangsamte sie unwillkürlich ihr Tempo. Am Getränke-Automaten stand „Jose“. Jose war nicht sein richtiger Name – oder besser, sie wusste nicht, ob Jose sein Name war – denn sie kannte ihn gar nicht. Das heißt, nur vom sehen. Aber sie fand, dass er aussah wie ein Jose. Südländischer Teint, sportliche Figur, aber nicht so übertrieben wie einige dieser Extrem-Bodybuilder die auch hier ins Studio kamen und ihr manchmal anzügliche Blicke zuwarfen, wenn sie sich nicht gerade selbst im Spiegel bewunderten. Mit diesen Ekel-Typen konnte man ihn wirklich nicht in einen Topf stecken. Außerdem hatte er ein sympathisches Lächeln, das hatte sie gesehen, als er sich mit einer anderen Läuferin unterhalten hatte. Sie verspürte bei dem Gedanken an die Situation erneut ein wenig Eifersucht, die mit dem des Beneidens wetteiferte das sie empfand, weil Jose bestimmt keine Schwierigkeiten hatte jemanden kennenzulernen. Nicht so wie sie, deren einzige Freundin noch aus Schulzeiten herrührte, und die ansonsten nur Kontakt zu den eigenen Eltern und einem spärlichen Häufchen weiterer Verwandter hatte. „So ist das, wenn man die ‚kleine, graue Maus‘ ist, die niemandem auffällt und sich selbst nicht traut!“ dachte sie. Schon oft hatte sie sich vorgestellt wie es wäre, einen festen Freund zu haben, oder wenigstens mal ein Date. Manchmal wäre sie schon zufrieden damit gewesen, wenn sich überhaupt mal jemand für sie interessieren würde.

Anna ging an dem Mann vorbei und zu ihrem Laufband, hob eilig ihre Tasche auf und kontrollierte den Inhalt. „Gott sei Dank,“ dachte sie erleichternd aufatmend, „alles noch da!“ Sie hob den Kopf in Richtung Flur, doch Jose stand nicht mehr dort und so machte sie sich ein wenig enttäuscht erneut auf den Weg in Richtung Umkleide.

Gerade wollte sie die Umkleide betreten, als sich die benachbarte Tür öffnete und jemand aus der Herrenumkleide trat, das Handy am Ohr und die Stimme gesenkt. Erst im zweiten Augenblick erkannte sie, dass es sich um Jose handelte. Vor Überraschung entglitt ihr die Tasche und fiel zu Boden. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und so bückte sie sich hastig danach, Jose den Rücken zukehrend um zu verbergen, dass sie errötete. Als sie schließlich in der Umkleide verschwand konnte sie nicht anders als noch einen Blick zurück zu werfen und durch den Spalt der sich schließenden Türe sah sie ihn gegenüber am Fenster stehen. Zwar konnte sie sein Gesicht im Gegenlicht nicht besonders gut erkennen, doch sie hatte den Eindruck, dass er in ihre Richtung sah, während er das Handy vom Ohr senkte und die Türe ins Schloss fiel, um den Mund … ein Lächeln? …ein Grinsen? … Lachte er sie aus, weil sie die Tasche fallen gelassen hatte? Oder wollte er einfach freundlich sein?