Schmetterling in weißen Turnschuhen

Den gesamten Abend über verfolgten sie diese Gedanken. Sie rief sogar ihre Freundin Melanie an, obwohl noch gar nicht Freitag war, ihr üblicher Telefontag, sondern erst Mittwoch. Die hatte natürlich erst einmal alles wissen wollen was Anna über Jose wusste, und auch, warum sie ihr nicht längst von ihm erzählt hatte, wenn er ihr doch schon öfter aufgefallen war. „Mensch, du weißt doch, dass mir sowas end-peinlich ist, Melanie!“ sagte sie. „Ich schaff es doch überhaupt nur mit dir darüber zu reden, weil wir uns schon seit der fünften Klasse kennen.“ – „Jaa, ich weiß,“ erwiderte Melanie, „aber meinst du nicht, dass es Zeit wird erwachsen zu werden? Ich mein das nicht böse, Anna, das weißt du! Aber du wirst bald fünfundzwanzig. Du willst doch nicht erst fünfundsiebzig werden eh du merkst, dass du so keinen abkriegst?“
Anna seufzte. Natürlich wusste sie, dass Melanie es gut meinte. Selbst wenn sie sich nicht seit 15 Jahren kennen würden, ihre Stimme war voll von Sorge und Mitgefühl um ihre Freundin – um sie, Anna. Dafür liebte sie Melanie.

Was sie außerdem wusste, war, dass ihre Freundin recht hatte. Natürlich lag es an ihr selbst ihre Situation zu ändern. Sie war kein Kind mehr, für das die Eltern die Probleme lösen, wenn mal ein Stein im Weg liegt. Für einen kurzen Augenblick fragte sie sich, ob das nicht vielleicht die Ursache ihrer Probleme war, zumindest eines Teils davon. War sie unfähig, sich Problemen zu stellen, weil ihre Eltern das gemacht hatte als Anna klein gewesen war und so nicht die Gelegenheit gehabt hatte zu lernen, wie man das selber macht? Sie schob den Gedanken schnell wieder weg. Er brachte sie nicht weiter und es wäre auch unfair gewesen, ihren Eltern vorzuwerfen, dass sie fürsorglich gewesen waren.
„Ich weiß“ entgegnete die junge Frau schließlich ins Telefon, doch es gelang ihr nicht ganz, dabei nicht genervt zu klingen, und erschrocken und verärgert über sich selbst wiederholte sie es noch einmal, sanfter, dankbarer: „Ich weiß.“

Doch auch nach dem Telefonat beschäftigte Jose sie weiter. Die Situation hatte sie schwer verunsichert und so stellte sie ihr Essen halb gegessen in den Kühlschrank und wälzte sich anschließend einige Stunden im Bett hin und her, ehe sie schließlich in einen viel zu kurzen und unruhigen Schlaf hinüber glitt.

Zwei Tage darauf sah sie Jose erneut im Studio. Sie kam gerade vom Stretching zu den Laufbändern und fast hätte sie ihn übersehen, denn er stand in der hinteren Ecke des Raumes, den Blick auf sein Smartphone gesenkt. Kurz überlegte sie umzukehren. Einfach zu gehen, das Studio zu kündigen und nie wieder her zu kommen. Alles, bloß nicht dieses Gefühl der Verunsicherung zu ertragen. Dann dachte sie an das Telefonat mit Melanie, schloss die Augen, nahm einen tiefen Atemzug und sagte sich: „Anna, du bist erwachsen. Benimm dich auch so!“ Und ohne sich noch etwas anmerken zu lassen stellte sie das Laufband ein und begann ihr Training.

Es dauerte eine Weile, bis die selbstauferlegte Anspannung einem Gefühl des Stolzes wich, über ihren eigenen Schatten gesprungen zu sein. Doch auch dieses Gefühl verging schließlich, als sie feststellte, dass Jose das Laufband schräg hinter ihr genommen hatte. Sie fühlte sich beobachtet und musste unweigerlich an die Situation vor der Umkleide denken, an sein Gesicht, dass sie nicht einordnen konnte, und die Frage, was er wohl denken mochte. „Ob es wohl Absicht war,“ fragte sie sich schließlich, „und er nur darauf gewartet hat, dass ich komme, um mich beim Laufen zu beobachten?“ Ihr Herz begann zu rasen und ihr Atem stockte als ein Gefühl der Panik in ihr aufstieg, hastig hämmerte sie auf den Ausschalter des Laufbandes, griff ihre Sachen und flüchtete überstürzt in die – Gott sei Dank!- leere Umkleide. Das letzte was ihr jetzt noch gefehlt hätte, wäre gewesen, dass jemand mitbekäme wie sie den Kampf gegen die Tränen verlor, die über sie hereinbrachen, kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war. Sie verstand die Welt nicht mehr, und viel schlimmer, sie verstand sich selbst nicht mehr! Sie war ihr Leben lang ein unsicheres Mädchen gewesen, warum machte diese… Kleinigkeit … sie so fertig? Warum?

Es gelang ihr, die Fassung zurückzuerlangen, gerade rechtzeitig als sich die Türe öffnete und zwei weitere Sportlerinnen, ins Gespräch vertieft, die Umkleide betraten. Sie ging aber auf Nummer sicher, räumte den Spind aus ohne ihnen das Gesicht und die verheulten Augen zuzuwenden und ging schnurstracks zum Auto. Duschen, entschied sie, könnte sie ausnahmsweise zuhause.