Schmetterling in weißen Turnschuhen

Dort angekommen sank sie erst einmal zu Boden, den Rücken gegen die Wand ihres kleinen Flures gelehnt, den Blick auf einen Punkt jenseits der gegenüberliegenden Wand gerichtet, jenseits der Realität und allem was ist. Sie ignorierte das Klingeln des Telefons, als Melanie zur gewohnten Zeit anrief. Ging einfach nicht ran. „Wie könnte ich?“ dachte sie, „Ich bin gar nicht hier.“ Sie fühlte sich leer. So, als sei Anna fort und nur ihre Hülle zurückgeblieben, eine Schale, die aufgeplatzt war wie reifes Obst und der Inhalt herausgelaufen um im Boden zu versickern, direkt zwischen den hölzernen Bohlen zu ihren Füßen mit den weißen Turnschuhen, ganz nah und doch unerreichbar. Drei mal versuchte Melanie es, dann schrieb sie eine Textnachricht:

„Alles okay, Schatz? Warum gehst du nicht ran? Mache mir Sorgen, melde dich bitte!“

„Alles okay, hab nur keine Lust, hartes Training, noch viel zu tun.
Haben ja auch Mittwoch getelt.
Nächste Woche wieder, versprochen!“

schrieb Anna zurück, und setzte einen Smiley ans Ende, den, mit dem Kuss-Mund und Herzchen dran. Dann stand sie auf und begann ihre Sachen abzulegen, um endlich unter die Dusche zu gehen. Gerade als sie so weit war vibrierte ihr Telefon erneut.

„Anna, wir beide wissen genau, dass du diesen Smiley nur dann schickst, wenn NICHT alles okay ist … Wenn du drüber reden möchtest sag Bescheid, ich bin da. Ich liebe dich. Alles wird gut.“

Sie las Melanies Nachricht ohne die geringste Regung. Ihr Gesicht, ihr Geist, ihr Herz, kein Teil von ihr wusste darauf zu reagieren. Dann ging sie duschen.

Während das heiße Wasser sie berieselte, über ihre Stirn, ihren Scheitel und Nacken, und von dort ihren Körper hinab rann, versuchte sie das gewohnte Gefühl der Entspannung und Geborgenheit zu empfinden, das sie für gewöhnlich damit verband – doch es wollte ihr nicht recht gelingen. Stattdessen ging sie im Kopf immer wieder die Details ihrer Lage durch, drehte und wendete sie, hinterfragte sich selbst, ihre Gefühle, ihre Wahrnehmung und alles was ihr sonst noch so zu hinterfragen in den Sinn kam. Die Erkenntnisse, die ihr nach und nach dämmerten und sich schließlich festigten, ihr klar wurden wie ein Bergmassiv, das im Nebel verborgen liegt, doch mit Voranschreiten des Tages immer deutlicher zu erkennen ist während der Dunst sich lichtet und unter die Baumwipfel herab sinkt, waren zum einen, dass sie am Wendepunkt stand. Sie hatte es in der Hand, wie ihr Leben weiter ging, hatte es immer gehabt, nur nie zu erkennen vermocht. Und sie hatte die Entscheidung bereits getroffen. Sie wollte nicht länger eine Gefangene ihrer Ängste und ihrer Unsicherheit sein. Nicht länger eine Geisel dessen, was bisher gewesen und ihr so unumstößlich erschienen war, dass sie, unterschwellig, unter allem Hoffen, Wünschen und Träumen, geglaubt hatte, es würde bis in alle Ewigkeit so bleiben. Sie wollte einen neuen Weg beschreiten und ihr Leben in die Hand nehmen.
Die andere war, wie sie es versuchen wollte. Denn schließlich ist man, bei aller Entschlossenheit und bei allem Trotz den man gegen sich selbst aufzubringen vermag, nicht plötzlich ein anderer Mensch als man immer gewesen war. Zwar gefiel ihr der Gedanke, dass die leere Hülle als die sie sich zuvor noch empfunden hatte, in Wahrheit ein Kokon gewesen sei, und sie sich nun erheben würde als Schmetterling, gereift um zu fliegen und frei zu sein. Doch Menschen waren keine Schmetterlinge. Ihr Wandel kam nicht von allein, man musste etwas dafür tun. An sich arbeiten.

Ihr erster Schritt würde sein, es Jose zu zeigen.

Am Montag war Anna wieder im Studio. Aber nicht wie üblich, im weiten Shirt und schlabbriger Jogginghose. Sie hatte Samstag noch einen Einkaufsbummel unternommen. Wenn Jose sie nun also anschauen wollte, dann sollte er es tun, aber diesmal würde sie genau wissen, was er sehen würde. Sie mochte kein Model sein und ihre Problemzonen haben, das wusste sie, aber dank der Beratung einer unendlich geduldigen Verkäuferin war es ihr gelungen ein Outfit zu erstehen, dass die richtigen Stellen betonte, so dass sie selbst damit zufrieden war. Und wenn Jose das nicht war, dann sollte er halt nicht hinschauen. Ganz einfach.

Ein letzter Blick in den Spiegel der Umkleide. Ihr Herz raste als sie versuchte den Mut aufzubringen, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. „Sei der Schmetterling!“ sagte sie zu sich selbst, „Der Schmetterling mit den weißen Turnschuhen!“