Schmetterling in weißen Turnschuhen

Sie verzichtete bewusst darauf, ihr Stretching, wie üblich, in dem dafür eingerichteten Bereich der Umkleide auszuführen. Stattdessen ging sie gleich zum Laufband, wo sie Tasche und Flasche ablegte, und sich umschaute. Obwohl sie früher dran war stand Jose in der gleichen Ecke wie beim letzten Mal, den Blick erneut aufs Handy gerichtet. „Okay, Anna, du kannst das!“ sprach sie sich gedanklich selbst Mut zu, während sie mit dem Stretching begann, den Rücken zum Laufband und damit auch zu dem Mann gewandt, den ihre Gedanken in der vergangenen Woche umkreist hatten wie der Mond den Erdball und der für sie zur gleichen Zeit Sehnsucht aber auch den Verlust ihres Seelenfriedens verkörperte. Ihr Herz schlug wie wild, doch diesmal geriet sie, aller Aufregung und Unsicherheit zum Trotz, nicht in Panik. Sie versuchte sich vorzustellen, was Jose sehen würde wenn er sie anblickte. In ihrer Vorstellung hatte er das Handy sinken lassen und beobachtete sie, doch diesmal bereitete ihr der Gedanke kein Unbehagen. Sie konnte es sich selbst nicht ganz erklären, aber dadurch, dass sie es ja förmlich darauf angelegt hatte, wollte sie regelrecht, dass er hinsah. Ja, sie ertappte sich sogar, ein wenig erschrocken und erstaunt über sich selbst, dabei zu denken: „Wehe, du schaust nicht hin, du Mistkerl!“
Als Anna sich schließlich dem Laufband zuwandte warf sie – möglichst unauffällig, und niemandem aufzufallen, darin hatte sie ja ein Leben lang Erfahrung – einen Blick in Jose’s Richtung. Zweifelsohne hatte er sie über den Rand des Telefons hinweg angesehen.

Zufrieden begann sie zu laufen, in Gedanken beim Blick des Mannes der auf ihre Kehrseite geheftet war, und erlebte ein wahres Wechselbad der Gefühle. Denn es machte sich nicht nur das warme Gefühl zufriedener Selbstbestätigung in ihr breit, weil sie es geschafft hatte sich der unangenehmen Situation zu stellen. Sie empfand zugleich Stolz und Triumph darüber, den Blick dieses gutaussehenden, sympathischen Mannes auf sich gezogen zu haben. Sie, das unscheinbare Mauerblümchen, hatte die Konkurrentinnen „aus dem Feld geschlagen“ und seine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet. Außerdem fühlte sie sich unter seinen Blicken nackt und verwundbar, das war vermutlich das vertrauteste an der Situation und erinnerte sie an zahlreiche Situationen ihrer Jugend und Kindheit. Bei zahlreichen Referaten, Vorträgen und Schulaufführungen hatte sie so empfunden, und seltsamerweise war es gerade dieses vertraute Gefühl, das ihr die nötige Sicherheit gab sich mit den neuen Regungen in ihrem inneren Auseinander zu setzen.

Heute verließ sie das Band nicht in Eile, sondern, eher im Gegenteil, betont langsam in Richtung Umkleide und Duschraum. Sie verstand noch nicht vollkommen, was sie gerade erlebt hatte. Es war zugleich schön doch auch beängstigend. Sie genoss jedoch weiterhin in jeder Sekunde seine Blicke, die sie beim verlassen des Raumes begleiteten, sowie das Gefühl ihr Ziel erreicht zu haben.

Als sie daheim ankam fühlte sie sich sehr erschöpft. Noch immer versuchte sie zu verarbeiten, zu begreifen und zu bewerten, was geschehen war. War das überhaupt sie selbst?
An ihre eigene Analogie zurückdenkend musste sie sich jedoch eingestehen, nicht erwarten zu können jemand anderes und gleichzeitig dieselbe zu sein, wenn sie ihrem Kokon entstieg.

Sie aß nur einen Happen und legte sich dann gleich zu Bett, schlief jedoch nicht ein sondern dachte weiter nach, ließ die Situation und die Gefühle Revue passieren, beobachtete sich dabei sehr aufmerksam, fand gefallen daran und an sich selbst. Als sie später einschlief träumte sie von Jose’s Blicken.


Markus K.

38 Jahre
lebt in Leverkusen
Ich freue mich, meine Fantasie mit euch teilen zu können und auch an eurer teilzuhaben. 🙂