Wanderlust

Bild: Rosie Shackleton
Text: Ramona


Geh wandern, haben sie gesagt. Das wird schön, haben sie gesagt. Verschwitzt und prustend schiebe ich mich den schier endlosen Berg hinauf. Die Sonne prallt mir auf die Haut und ich habe mich natürlich nicht eingecremt. Ich spüre bereits den aufkeimenden Sonnenbrand. Immerhin an einen Hut habe ich gedacht, sonst würde ich vermutlich bereits mit Sonnenstich irgendwo am Wegesrand vor mich hinvegetieren und darauf warten, dass mich irgendwer findet. Betonung auf irgendwer, da ich vermutlich die einzige Hirnverbrannte bin, die bei diesen Temperaturen beschließt einen Berg hoch zu kraxeln. Eigentlich hätte ich schon vor einer Stunde umkehren sollen, aber mein Ehrgeiz hatte mich gepackt sowie die irrationale Hoffnung, dass irgendwo ein kühler Bergsee auf mich warten würde. Aber nix da. Nur staubtrockener Boden und sengende Hitze. Hin und wieder kann ich mich in den Schatten einiger Bäume drücken und etwas Luft holen.

Zum bestimmt 600. Mal verfluche ich mich selbst für diesen Urlaub. Ich hätte eben doch wie immer ans Meer fahren sollen, aber ich hatte ja die wahnwitzige Idee gehabt mich neu zu erfinden, neues zu sehen und all den Mist der letzten Jahre hinter mir zu lassen. Wo soll ich diesen Sommer hinfahren?, hatte ich in meine Lieblingsnachrichtengruppe geschrieben. Meine Freunde wissen natürlich, dass ich sonst nur am Strand vor mich hin brutzele, also haben sie sofort verschiedenste Strände vorgeschlagen. Ne, was Neues. Daraufhin kamen erst die großen Städtereisen – Paris, Rom, London, Amsterdam – bevor dann jemand vorschlug ich könnte doch in die Berge fahren. Die ganze Gruppe stieg ein, schickte mir Bilder von saftigem Grün, strahlend blauen Seen und deftigen Brotzeiten in Biergärten. Einem Impuls folgend hatte ich noch am gleichen Tag den Trip in die Berge gebucht. Zum Glück hatte ich meinen ersten Gedanken – ganz lustig zu zelten – verworfen und mich für ein Zimmer in einer kleinen Holzhütte entschieden. Die war immerhin genau wie erwartet: urig und gemütlich, typisch rustikal und robust.

Womit ich nicht gerechnet hatte: wie wahnsinnig öde es hier ist. Keine Bars, in die ich mich abends verziehen konnte, kein Meer, kein 5-Sterne-Hotel. Da habe ich mich einfach verkalkuliert.

Ich krame meine Flasche aus meinem Rucksack. Auch schon halb leer. Und warm. Ich verziehe das Gesicht. Na ja, Wasser ist Wasser. Dann stapfe ich weiter. In einiger Ferne entdecke ich hohe Tannen, die in den Himmel ragen. Ich beschließe dort Pause zu machen. Je näher ich komme, umso mehr freue ich mich und schließlich erspähe ich eine Bank. Himmlisch! Sofort läuft es sich leichter. Mein Schritt ist beschleunigt. Dann stocke ich. Da sitzt doch jemand? Und wirklich, mit jedem Stück Weg, das ich zurücklege, kann ich die verhutzelte Gestalt im Schatten etwas besser erkennen.

Es handelt sich um einen alten Mann. Er hat sich mit den Händen auf einen Gehstock gestützt und schaut nach vorn in die Landschaft hinein. Sein graues Haar sieht unter einem braunen Hut hervor, den er tief in die Stirn gezogen hat. In seinem Gesicht sitzt ein wirrer grauer Bart. Er trägt ein weißes Shirt, darüber eine Weste, die genauso braun ist wie sein Hut. Dazu trägt er eine knielange Hose, dicke Socken und Wanderschuhe. Seine Haut ist gebräunt und sieht eben aus wie die Haut alter Menschen. Schließlich komme ich oben an und bleibe schwitzend und keuchend neben der Bank stehen.